Hand of Fate 2 – Ein Erfahrungsbericht (Switch)

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Wenn ich ein Spiele teste, läuft es eigentlich immer gleich ab. Ich schließe die schwere Eichentür meines Arbeitszimmers, lasse mich in meinen, mit edlem Schimpansenleder bezogenen, Ohrensessel fallen und greife instinktiv zu einem Glas Weißwein. Das Zimmer wird vom tanzenden Licht des Kaminfeuers erhellt, während draußen vor dem Fenster ein Gewitter tobt. Missmutig blicke ich auf meinen obzön großen Flachfernseher während ich meine Brille zurechtrücke. Auf dem Bildschirm erscheint das Hauptmenü von Hand of Fate 2, ich atme hörbar entkräftet aus und betätige den Start-Knopf.

Sofort erscheint der Kartengeber auf der Spielfläche. Jene ominöse Gestalt, welche uns im ersten Teil das Leben schwer gemacht hat. Ein unvermeidliches „Der Saftsack schon wieder…“, entfleucht meinen Lippen, während der Wahrsager anfängt mit kratziger Stimme und schwerem, britischen Akzent zu erklären: „Ich war immer das Spiel. Auch wenn ich versagte, das Spiel geht weiter. Die Karten sind die Fetzen deiner Vergangenheit gewoben im Stoff der Erkenntnis. Ihre Geschichte wird die deine werden und du selbst wirst zu der ihren. Ich war da als…“

Ich drücke auf verschiedene Knöpfe, um den grenzdebilen Trickbetrüger zum Schweigen zu bringen. „…Doch auch der Schatten der Verdammnis birgt einen Schimmer Hoffnung…“. Ich halte diverse Knopfkombinationen gedrückt, in der Hoffnung dem Geschwafel des rüstigen Rentners zu entkommen. „…Du wirst lernen dass die Karten der Schlüssel sind zu…“ „Herrgott!“ Platzt es aus mir heraus: „Ich hab es doch verstanden! Es ist ein Tabletop Spiel für Leute, die keine Freunde haben um ein echtes Tabletop Spiel zu spielen. Es ist wie Solitär. Nur mit dem Unterschied, dass mich ein zerlumpter Penner eine halbe Stunde voll labbert, bevor ich anfangen darf zuspielen. Quasi Solitär, während man seinen Opa im Heim besucht.“ Der Kartengeber wirkt gekränkt. „Es ist eher wie ein Pen&Paper Spiel mit Karten.“, murmelt er beleidigt. „Können wir jetzt anfangen?“ Ich nehme einen weiteren Schluck aus dem Weinglas und umklammere den Controller etwas fester.

Der Kartengeber beginnt mit einem Grundlagenkurs, schweift dann inhaltlich etwas ab, um über die Zeltpreise zu schimpfen, um anschließend leicht verwirrt mit dem Satz “…Und deshalb traue ich keinen Gnomen…“ zu enden. Zusammenfassen lässt sich das Tutorial mit den Worten „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Da es bei mir mit dem Lesen immer haperte (schreiben kann ich seit meiner Geburt, lesen erst seit Abschluss der Hauptschule), muss ich mich etwas genauer mit dem Gesagten beschäftigen. Böse Zungen mögen vermuten, dass dies eher dem Alkohol, als der Komplexität der Spielregeln geschuldet sei. Vermutlich würde ich jenen bösen Zungen zustimmen.

„Wähle dein Geschlecht.“, krächzt der sympathische Kartensausel. „Egal welches?“, Frage ich mit dem Scharfsinn eines erfahrenen Clickbaiters. „Deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, Held. Ob Frau oder Mann, oder sogar Mann oder Frau. Die Wahl ist die Deine.“ Von sovielen Möglichkeiten berauscht, wähle ich einen Mann. „Wähle nun…Deine Herkunft!“, donnert der Kartengeber. Ich lehne mich zurück und lege die Fingerspitzen an meine Unterlippe. Lange kreisen meine Gedanken. Schließlich ist die Herkunft wichtig für die Zukunft. Ich habe die Wahl zwischen: Dunkelhäutig, Asiatisch, Latino und Mitteleuropäisch. Unverzüglich springe ich auf und fange an meine, in der Ecke des Raumes befindliche, Schultafel voll zu schreiben. Ich erfasse die Vorzüge der unterschiedlichen Ethnien, male ein Diagramm, befrage Passanten, die das Pech haben unterhalb meines Fensters ihrem ereignislosen Leben nachzugehen, bis ich endlich zu einem Ergebnis komme. In der Zwischenzeit liegt der Kartengeber mit dem Kopf auf der virtuellen Tischplatte und schnarcht leise, während seinem offenen Mund ein Rinnsal Speichel entfleucht.

„Ich kenne meine Herkunft!“, kreische ich extatisch. Vor Schreck fährt der Kartengeber ruckartig hoch und stößt dabei eine Kerze um. „So sage sie mir, Held.“, sagt Er, während er sich den Schlummersabber aus dem Gesicht wischt. „Ich bin ein mitteleuropäischer Mann.“ Der Kartengeber schweigt, offensichtlich ergriffen von meiner Wahl. „Ja. Wie auch immer. Lass uns nun das Abenteuer beginnen, Held.“

Der Kartengeber gibt mir 5 Karten, platziert Schicksalskarten auf den Tisch und stellt eine kleine Figur, welche mich repräsentiert, auf die erste Karte. Sogleich erfahre ich, dass die Karte eine Wahl beinhaltet, welcher ich mich stelle und dann mit Würfelwurf entscheide, ob meine Wahl erfolgreich durchgeführt werden kann. „Wieso muss ich jetzt Würfeln? Ich dachte wir spielen Karten?“, merke ich an. „Die Würfel der Verwünschung zeigen dir, ob du in der Lage bist deinen Worten, Taten folgen zu lassen.“, der Kartengeber lehnt sich zurück, als hätte er gerade einem Dreijährigen etwas wahnsinnig tiefschürfendes eröffnet.

Die Diskussion meidend, lasse ich die Würfel rollen und bestehe die Probe. „Wohlan. Wähle nun eine Frucht und drehe am Rad der Verdammnis“. „Was für eine Frucht und was ist denn jetzt das RAD DER VERDAMMNIS?“ „Du hast dich entschieden, einen mysteriösen Baum zu besteigen. Dort hängen Früchte. Wähle eine und drehe am Rad um zu erfahren ob sie Segen oder Fluch ist.“ Meine aufkeimende Wut unterdrückend, wähle ich eine wulstige, gelbe Frucht und drehe am Rad der Verdammnis, auf dem verdächtig viele Totenkopffelder prangen. Ich bestehe die Probe und lande auf einem Erfolgsfeld.

„Die Frucht erhöht deine Lebenskraft um 5 Punkte. Ziehe eine Karte des Schicksals um den Baum herabzusteigen.“ Der Kartengeber hält mir 5 Karten hin, von denen ich eine wählen soll. „Hör mal. Du versuchst mich doch zu verarschen. Kann es sein, dass du mir soviele Proben stellst, damit ich scheitere?“ Selbstzufriedenheit breitete sich in mir aus, während mein Zeigefinger anklagend auf den Trickser deutet. Ich hatte ihn erwischt, bei seiner krummen Tour. Mich verschaukelt man nicht so leicht.

„Nein. Zieh jetzt eine Karte“, antwortet der Gaukler. „Na dann“, ich ziehe eine Karte auf der ein breit grinsender Totenschädel abgebildet ist. „Du scheiterst, Held. Du stürzt den Baum herab und brichst dir das Bein. 10 Punkte permanenter Lebensabzug“, mein linkes Auge zuckt, während meine Zähne knirschen und ich feinen Calcium Staub schmecke. „Spielen wir weiter“, flüstere ich.

Wir taten wie geheißen. Mit jeder neuen Karte, mit jedem neuen Wurf, wächst in mir ein Gefühl seltener Freude. Wie eine zarte Blüte, getränkt von meinen Tränen. Die Scheißigkeit des Kartengebers erinnerte mich an meine eigene Scheißigkeit als Spielleiter einer Star Wars P&P Runde. Meine Wut verfliegt. Sogar die NPC Begleiter erinnern mich an meine Freunde von damals: Immer hinter meinen Wertsachen her und schnell mit dem Messer zur Hand, wenn sich die Chance für Verrat bot.

„Kartenkasper, ich muss dir sagen: Ich vergebe dir. Das Spiel macht wirklich Spaß. Ich vermisse zwar die guten, alten Charakterbögen, aber ansonsten…Sogar dein von Arkham Asylum geklautes Kampfsystem funktioniert ganz gut…Trotz gammeliger Unity Unrat Engine…“, ich war in geradezu rührseliger Stimmung und auch eine Träne tropfte meinem von Alkohol geröteten Gesicht herab, als der Kartengeber sagte: „Du kommst an eine Lichtung. Eine Bande Bauern drangsalieren einen jungen Burschen und drohen ihm mit Prügel. Was tust du, Held?“„DIESE TIERE! Ich eile zu ihm und metzel diese ungebildeten Agraökonomen dahin!“. Der Kartengeber reicht mir die Würfel. Ich nehme sie in die wutstarren Finger und werfe sie mit rechtschaffenen Zorn. „Nehmt dies, ihr Trogolodyten!“, brülle ich. „Eine Sieben. Probe nicht bestanden. Der Junge wird von dir enthauptet“, ich blicke den Kartengeber ausdruckslos an.

„Wie DAS denn?! Ich wollte ihn retten und enthaupte ihn?! Das ist ja, als würde ich ein Glas Milch trinken wollen und ausversehen ein Loch in den Mond sprengen.“, empört verschränke ich die Arme. „Nun, Held, bei deinem Ansturm bist du gestolpert und hast den Jungen angerempelt, woraufhin dieser in eine Sammlung Schwerter, welche mit den Klingen nach oben herumstanden, stürzte. Dies führte zu der besagten Enthauptung.“, ich blicke den Kartengeber weiter an, bis dieser unruhig wird. „Ich kenne jemanden, der jemanden kannte, dessen Nachbarn hatte einen Sohn, dem das auch schon mal passiert ist.“, sagt der Kartenschurke sinnierend. „War eine schreckliche Sache. Alle fragten: Wer stellt den zwanzig Äxte mit den Klingen nach oben auf den Rasen? Mitten unter die Kinderschaukel?“, der Kartengeber nickte, als wollte er sich selbst zustimmen. „Tragisch.“

Ich erhob mich aus meinem Ledersessel. Meine Knochen knarzten nach den vielen Stunden voller Abenteuer. „Sag mir, Kartengeber. Wieviele Karten umfasst dein Spiel?“, „Zweihundertsieben. Jede Einzigartig!“, „Dann hab ich ein neues Spiel für dich“, ich ging hinüber zum Bildschirm und nahm den Kartenstapel an mich, bevor ich dann, würdevoll aber hastig, zum Fenster ging.

„An welches Spiel denkt ihr, Held?“, „Zweihundertsieben Heb-Auf“, antworte ich…und öffne das Fenster.

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Übern den Autor

Tim

Geboren 1983, verursachte Tim, kurz nach der Geburt, den Videospielcrash. Vertrug sich allerdings 4 Jahre später mit der Branche und entschied sich fernerhin sein Leben mit ihr zu Teilen. Es gibt zwar manchmal Streit aber wenigstens dem gemeinsamen Kind geht es gut, auch wenn es den Keller nie verlässt.

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