König des blinzelnden Auges – Leben ohne Tutorial

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In der Zeit die ich, in meinem methusalemischen Alter brauche um in einem Ego-Shooter zu zielen und zu feuern, kann ein 14 jähriger seine Hausaufgaben erledigen und Mittag essen. Meine arthritischen Finger umspannen gerade den rechten Trigger, während besagter 14-jähriger seinen Controller vom Boden aufhebt, entspannt die Lage checkt und mich innerhalb von 1,3 Millisekunden in die lange Reihe von Senioren, die von jugendlichen misshandelt wurden, stellt.

Die Ironie dieses Vorgangs ist jene, als dass ich dereinst selbst jener Jugendliche war und mich aufgrund der zeitlupenartigen Reflexe meiner betagten Gegenspieler als König der Welt wähnte. Die alte Weisheit „So, wie du bist, bin ich gewesen. So, wie ich bin, wirst du sein“  hat sich also spektakulär gegen mich gewandt.

Wenn man das erst mal feststellt, dass die Reflexe nicht mehr wie bei einem Ninja, sondern eher wie beim Ur-Opa des Ninjas funktionieren, kann das ziemlich niederschmetternd sein. Da heißt es ruhig bleiben und ausreden suchen. So war die gewählte Matchart und Karte vielleicht nicht optimal, was in der Folge zu der subterranischen Performance führte. Die Waffenwahl war vermutlich auch nicht perfekt und überhaupt ist das Spiel ohnehin Scheiße.

Für den betagten Gamer gibt es nun verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Die einen kaufen sich einen Cordhut mit dazugehöriger Hose und fangen mit dem Sammeln von Schlagerplatten an. Sie schließen frieden mit dem Umstand ihrer Unfähigkeit und warten auf den Beginn ihrer Rente. Eine andere Reaktion wäre ein Wechsel der Genre-Vorlieben. Statt Mortal Kombat gibt es Sudoku, Ego-Shooter werden durch Simulationen ersetzt und Jump & Runs weichen dem unvermeidlichen Kartenspiel. Hier kann der erfahrene, verkalkte Geist sich bewähren und einen zweiten Frühling feiern. „Rundenbasierte Kämpfe sind ohnehin besser als Echtzeit Kämpfe, sind ja taktischer und anspruchsvoller“, lügt sich der greise Joypad Akrobat in die eigene Tasche, während er wie eine rheumatische Sackratte über die Tastatur trippelt. Eine deutlich positivere Herangehensweise an die eigene Sterblichkeit wäre, wenn man Wii Bowling spielt bis man die Top Punktzahl von 255 bei jedem Versuch erreicht, um sich dann mit dem Nunchack an der Wohnzimmerlampe zu erhängen, während auf dem Fernseher die Highscore-Liste komplett mit dem eigenen Namen gefüllt ist.

Der junge, gebildete Durchschnittsleser von GAIN denkt sich jetzt natürlich „HaHa, was interessiert es mich. Ich bin doch jung. Jung! Und ich werde ewig jung sein, ewig Leben und nie Probleme mit meiner Potenz oder der GEZ bekommen. HaHa!“ Doch halt, werter Leser, es lauert eine Falle. Solltest du nämlich jüngst 21 geworden sein, hat das Elend schon begonnen. Wie nach einem Zombiebiss, bist du eigentlich schon Tod, obwohl du dich noch ganz gut fühlst. In einigen Jahren wird dir immer mehr bewusst, dass einige Spieler dir auf scheinbar magische Weise überlegen sind, vielleicht wirst du denken, du hättest es mit einem Cheater zutun. Möglicherweise hast du mit der Annahme sogar recht, die Zahl, deren, von denen du denkst sie würden betrügen, wird allerdings jedes Jahr steigen. Irgendwann, meistens mit 29, sind die Anzeichen dann nicht mehr zu leugnen, du bist einer von uns geworden. Ein weiterer Kadaver in der Kompanie der Kompostierten.

Will man nun noch mithalten in den Online Gefechten, heißt es umsatteln, neu orientieren und dazu lernen. Natürlich gibt es immer die Alternative „Ich mag Multiplayer nicht so, Online interessiert mich nicht etc.“, aber wer will sich schon in diesem Ausmaß selbst belügen? Der Senioren-Spieler verlegt sich in Shootern z.b. auf Support Klassen, wo es von Vorteil ist den Überblick zu behalten und taktisch (Taktisch bedeutet in diesem Kontext: Langsam) zu agieren. Ideal wäre die Drohnen-Aufklärung oder ein Medic. Man hat das gute Gefühl seinem Team zu helfen und tut dies tatsächlich auch, weil guter Support das A und O ist. Ein gelegentlicher Kill hilft dem angeschlagenen Ego zusätzlich. Will man keine Zugeständnisse ans Alter machen und weiterhin das Frontschwein Nr.1 sein, hat man Arbeit vor sich. Weil man nicht mit den Reflexen der minderjährigen Massen konkurrieren kann, muss man sich verhalten wie ein Shikare aus Zimbabwe und hinterlistiger werden als ein Frettchen auf Sauftour. Denn das Gehirn ist, wenn auch kalkig und leicht schimmelig, des alten Gamers mächtigste Waffe. Ein Beispiel: Durch Jahrhunderte Counterstrike kennt der rüstige Gamer den Augenverlauf des jungen Spielers, wenn dieser einen Raum stürmt und nutzt den toten Winkel, um anzugreifen. Plötzlich findet man sich in einer Lage wieder, in der man cleverer sein muss anstatt schneller. Wie der Blinde dessen Hörsinn sich verbessert, muss der Konsolen-Opa sich taktisch verbessern quasi ein octogenarischer Daredevil werden.

Der demografische Wandel ist spürbar in der Gaming-Welt. So steigt der Anteil von „Alt Herren“ Clans seit 2005 jedes Jahr um ca. 15 %. Es wird der Tag kommen, wo Altersheime WLAN und Gaming Betreuung bieten müssen, weil Videospieler stur sind, wenn es um ihr Hobby geht und statt Geschichten vom Krieg zu erzählen, wettern wir Rentner von Morgen über Patches und Nerfs. Sat 1 Gold zeigt nur noch eSport und Doritos werden teil einer ausgewogenen Ernährung. Die Zukunft ist golden für uns.

Teile.

Übern den Autor

Tim

Geboren 1983, verursachte Tim, kurz nach der Geburt, den Videospielcrash. Vertrug sich allerdings 4 Jahre später mit der Branche und entschied sich fernerhin sein Leben mit ihr zu Teilen. Es gibt zwar manchmal Streit aber wenigstens dem gemeinsamen Kind geht es gut, auch wenn es den Keller nie verlässt.

2 Kommentare

  1. Weizegger on

    Bei mir hat das mit Starcraft angefangen. Ich musste irgendwan „do or die“-Taktiken anwenden ,die entweder zum „schnellen“ Sieg geführt haben (KEIN RUSH!!!!) oder zumindest einen grossen Vorteil rauspringen lassen konnten. Bei Micro und Macro im Direktvergleich hätte ich immer abgeloost. ;____;
    Welchen Aspekt ich hier ebenfalls noch mit aufführen würde ist dieser: „Ich hab in meinem Leben schon so viele Funktionsweisen von Games gelernt bzw. Skill in Game X und Y aufgebaut , Irgendwann ists auch mal genug!!!“
    Irgendwann muss man sich diese „Arbeit“ auch nicht mehr antun. Wir haben das in unseren damals relevanten Spielen getan und nun haben wir uns einen gewissen Ruhestand auch verdient. Ein Spiel zu beenden reicht heute oft aus. Ich muss nicht mehr 100% an Secrets holen oder Bestzeiten schaffen oder alles auf Ultramegahard durchspielen. . Bei Monster Hunter bin ich zb froh eine Waffe einigermassen gemeistert zu haben… aber eigentlich gibts ja noch 9 andere… xD Im hohen Alter sollte ich diese Einstellung zu Lasten drohender Demenz aber eigentlich nochmal überdenken. ^^;

    • Hey! Danke für den Kommentar.

      Ich kann dem gesagten nichts mehr hinzufügen, ausser vielleicht : Doch. Du musst alles auf UltraMega Hardcore durchspielen um deine Dominanz im Rudel zu zementieren. Ansonsten kommt ein jüngerer Wolf und säuft dir das ganze leckere Mountain Dew weg!

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