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L.A. Noire – Test (PS4, Switch)

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Rockstar Games widmete sich nicht nur mit der famosen Max Payne-Trilogie dem Film Noir, sondern schuf vor sieben Jahren ein Abenteuer, welches diesem Stil gar in seinem Titel Tribut zollt. Nun feiert L.A. Noire als Remaster für PlayStation 4, Xbox One sowie Nintendo Switch seine Renaissance.

Die Stadt der eiskalten Engel

Maßgeblich für den Film Noir, welcher seinen Ursprung vor allem in Krimi-Filmen der 1940er und 1950er hat, sind auch Charaktere, welche sich oftmals nicht eindeutig dem üblichen „Gut/Böse“-Klischee zuordnen lassen. Vielmehr bewegen diese sich nicht selten in einer moralischen Grauzone und sind generell weniger schillernde Vorbilder, sondern viel mehr von moralischer Ambivalenz gezeichnete Persönlichkeiten.

Schauplatz ist Los Angeles des Jahres 1947. Ein Großteil der Stadt steht euch frei befahr- sowie begehbar zur Verfügung. Downtown LA wurde anhand historischer Daten gar zu 90 L% originalgetreu nachgebildet. Euer Alter Ego stellt Cole Phelps dar. Ein Kriegsveteran, welcher sich nach einer erfolgreichen Militärlaufbahn nun seine Sporen beim LAPD verdienen möchte. So verfolgt ihr Coles Anfänge als Streifenpolizist und werdet im weiteren Verlauf Zeuge seines Werdegangs als Ermittler im Mord-, Sitten- sowie Branddezernat.

Harter Tobak

In jedem dieser Dezernate erwarten euch mehrere zu lösende Fälle, welche von tatsächlich dokumentierten Kriminalfällen aus jener Zeit inspiriert wurden. Dabei müssen sich Zartbesaitete auf mitunter richtig harten Tobak einstellen. Brandstiftung und Versicherungsbetrug sind dabei noch das Geringste. Mord, Vergewaltigung, Sex mit Minderjährigen sowie grausam entstellte (Kinder-)Leichen bestimmen später mitunter die Szenerie.

Die meisten dieser Fälle sind in sich abgeschlossen, manche hängen jedoch auch miteinander zusammen. Einen roten Faden durch das Abenteuer gibt es natürlich auch: Coles Vergangenheit beim Militär spielt darin ebenso eine Rolle wie ein Sumpf aus Verrat, Intrigen und Verschwörungen. Ganz getreu des Film Noir eben. Mehr sei an dieser Stelle jedoch nicht verraten, denn auch wenn die Story sich eher im Hintergrund hält, so ist sie doch sehr gut geschrieben, spannend inszeniert und bietet zahlreiche charismatische wie einprägsame Charaktere.

Charismatisch ist jedoch ausgerechnet der Hauptdarsteller Cole Phelps nicht. Er bleibt über weite Strecken relativ blass. Vielmehr ist er ein Antiheld und wird mehrfach sogar als richtiger Unsympath porträtiert. Phelps’ Umgangston ist oft laut und harsch, sein Verhalten meist rücksichtslos, egozentrisch und im Umgang mit Opfern lässt er meist jegliche Empathie missen. Das hat jedoch seine Gründe und wird nach und nach erläutert. Trotzdem hätten wir uns deutlich mehr Kontext zu seiner Person gewünscht, um sich so mit ihm identifizieren zu können. Insbesondere das Ende der Geschichte führt diesen Umstand sowie all die anderen Fäden dennoch sehr gekonnt zusammen, so dass es Sinn ergibt. Wir saßen nach einer derart fesselnden, emotionalen Achterbahn jedenfalls mit offenem Mund vor der Mattscheibe, als die Credits an unseren Augen vorüberzogen.

Die Nebendarsteller wurden dafür umso überzeugender geschrieben. Coles Partner in den jeweiligen Dezernaten stellen jeweils für sich bereits Ikonen des Film Noir dar, doch auch sein vermeintlicher Rivale Jack Kelso weiß insbesondere gegen Ende der Geschichte zu überzeugen. Natürlich darf in solch einer Story auch die vermeintliche Femme Fatale nicht fehlen. Diesen Part mimt die famose Elsa Lichtmann. Geflohen aus Deutschland, verdreht sie nun in LA reihenweise den Männern nicht nur mit ihren jazzigen Gesangseinlagen reihenweise die Köpfe.

Reine Routine

Der Spielablauf gestaltet sich über die rund 20 bis 25 Stunden dauernde Kampagne meist ähnlich: Zum Tatort begeben, Hinweise sammeln, Zeugen befragen. Zuletzt gilt es den oder die Verdächtigen auf dem Revier zu verhören und anhand stichfester Beweise möglichst zu überführen. Aufgelockert wird dieses Schemata immer wieder von Actioneinlagen wie Verfolgungsjagden sowohl im Auto als auch per Pedes, handfesten Prügeleien, Schusswechseln mit Gangstern sowie dem ein oder anderen Rätsel.

Die unterschiedlichen Tatorte sind nicht selten in Gebäuden vorzufinden, welche ihr nahtlos betreten könnt, oftmals aber auch unter freiem Himmel. In jedem Fall wurden diese unglaublich liebevoll gestaltet. Unzählige Details füllen die Szenerie und vermitteln das Gefühl von Authentizität. Es scheint, als sei selbst jedes noch so unbedeutende Element wie beispielsweise eine Kaffeetasse mit Bedacht von den Entwicklern platziert worden zu sein. Beim Untersuchen der Tatorte weist euch das Spiel darauf hin, wenn ihr euch nahe eines Hinweises befindet. Leider gestaltet sich sowohl die Navigation als auch das Begutachten aufgrund der etwas trägen, hakeligen Steuerung nicht immer optimal. Zudem fragten wir uns regelmäßig, warum man überhaupt Gegenstände wie Kaffeetassen, Bierflaschen oder Nudelhölzer begutachten kann, wenn diese nichts mit dem Fall zu tun haben. Sie sind schließlich nichts weiter als unnützes Beiwerk.

Die Actionsequenzen gestalten sich eher durchwachsen. Größter Kritikpunkt ist auch hier die träge und hakelige Steuerung. Ob Faustkämpfe, im Bleihagel aus der dritten Person oder Verfolgungsjagden zu Fuß – die Kontrolle dieser Parts ist bestenfalls ausreichend. Wer möchte, darf diese aber sogar komplett überspringen. Lediglich die Fahrzeugphysik wurde überzeugend umgesetzt, so dass nicht nur das Erkunden der Stadt im fahrbaren Untersatz Freude bereitet, sondern auch die mitunter spektakulären Verfolgungsjagden. Einmal müsst ihr euch gar an eine entführte Straßenbahn hängen, während euer Partner aus dem Fenster feuert. Großartig!

Wir haben keinen Dialog gebraucht, wir hatten Gesichter

Klares Highlight des Gameplays stellen die Verhöre mit den Verdächtigen dar. Diese gilt es anhand der gesammelten Beweismittel zu überführen. Das gestaltet sich jedoch mit fortschreitendem Spielverlauf immer schwieriger, denn selten ist offensichtlich, wie ihr das Gespräch zu euren Gunsten wandeln könnt. Das Spiel offeriert euch dafür drei Optionen (“Guter Cop”, “Böser Cop”, “Beschuldigen”), mittels derer ihr auf die Aussage eures Gesprächspartners reagieren könnt. Beschuldigt ihr den Verdächtigen, so müsst ihr das auch direkt mit dem passenden Beweismittel untermauern. Meist müsst ihr anhand der Gestik und vor allem der Mimik eures Gegenübers einschätzen, ob die Person die Wahrheit gesagt hat. Das lässt sich oftmals an aufbrausendem Verhalten, einem schelmischen Grinsen oder einem nervösen Blinzeln erahnen. Nicht selten sitzt euch jedoch auch ein Pokerface gegenüber und das erschwert die Sache ungemein.

Wer jetzt befürchtet, hölzern animierten NPCs direkt aus dem “Uncanny Valley” Emotionen aus der virtuellen Fratze ablesen zu müssen, liegt definitiv falsch. Rockstar Games hat seinerzeit zahlreiche Schauspieler ins Studio geholt (u.a. einige bekannte Gesichter aus der TV-Serie “Mad Men”) und aufwendig mittels der eigens entwickelten MotionScan-Technik abfilmen lassen. Dabei kamen über 32 Kameras zum Einsatz, welche jede noch so kleine Gesichtsregung eingefangen haben. Motion Capturing wurde für die restlichen Körperbewegungen eingesetzt. Das Ergebnis ist, auch sieben Jahre nach Erstveröffentlichung, immer noch sehr beeindruckend und bis heute selten in solch einer Qualität erreicht. Derart überzeugende Persönlichkeiten bekommt ihr nicht oft in einem Videospiel sprichwörtlich vorgesetzt.

Doch nicht nur die Inszenierung ist erstklassig, auch die Dialoge stehen dem in nichts nach und sind spannend wie intelligent geschrieben. Ob nun im Verhör, den zahlreichen Zwischensequenzen oder während der Fahrt zu einem Tatort: Euch erwarten pfiffige, durchdachte und gern auch mal humorvolle Gespräche, welche zugleich diesen einmaligen, rauhen Charme des Film Noir versprühen. Allerdings nur, wenn ihr des Englischen mächtig seid, denn ansonsten müsst ihr gleichzeitig die Untertitel in deutscher Sprache mitlesen.

Am Ende eines Falls erhaltet ihr eine Bewertung von bis zu fünf Sternen anhand der gefundenen Hinweise, richtig gestellten Fragen sowie des verursachten Kollateralschadens. Doch keine Sorge, scheitern könnt ihr nicht. Selbst wenn ihr alles vergeigt, winkt euch das Spiel zum nächsten Fall durch. Leider ist das System nicht immer ganz transparent. Ein paar mal kam es vor, dass wir am Ende eines Falls Schelte vom Lieutenant bekamen, obwohl wir uns absolut sicher waren, alles richtig gemacht zu haben.

Diese Stadt ist zu klein für uns beide?

Abseits der 26 zu lösenden Fälle bietet euch die riesige Spielwelt einiges an Beschäftigungsmöglichkeiten. Es gilt zahlreiche Zeitungen, Filmrollen oder Romane zu finden, welche mitunter weiteren Kontext zur Hintergrundgeschichte (zum Beispiel in Form von Filmsequenzen) liefern. Zudem dürft ihr eure virtuelle Garage mit den insgesamt 95 fahrbaren Untersätzen des Spiels vervollständigen. Wer von Los Angeles nicht genug bekommt, der begibt sich auf Sightseeing-Tour und erkundet einige originalgetreu nachgebildete Wahrzeichen der Stadt. Darüber hinaus erwarten euch über 40 zusätzliche Verbrechen, welche es aufzuklären gilt. Das sind jedoch keine ausgewachsenen Fälle wie weiter oben beschrieben, sondern in der Regel kurze Action-Einlagen von wenigen Minuten Dauer. Dafür bekommt ihr in diesen gern mal Charaktere aus der Story wieder zu Gesicht, welchen es in mitunter kuriosen Situationen zu helfen gilt.

Es erwartet euch also (zum Glück) keine mit Symbolen überladene Weltkarte, gefüllt mit massenhaft öden, repetitiven Aufgaben. Doch wer sich genau das erhofft hatte, wird womöglich enttäuscht sein. Wir finden jedoch, dass Rockstar hier genau das richtige Maß getroffen hat. Wer die Story und alle oben beschriebenen Nebentätigkeiten absolviert, ist gut und gerne 30 bis 40 Stunden beschäftigt.

Hollywoodreif?

Optisch überzeugt das Spiel auch heute noch. Nicht zuletzt dank knackscharfer, detaillierter Texturen und der immer noch beeindruckenden MotionScan-Gesichtsdarstellung. Realistische Animationen via Motion Capturing, eine riesige, offene Welt sowie die überzeugende Fahrphysik tun ihr übriges. Zudem begeisterte uns die unvergleichliche Detailverliebtheit sowie Authentizität der Schauplätze. Nicht nur visuell, sondern auch akustisch – ob nun bombastische Explosionen oder atmosphärisch-jazzige Songs. Das geht bis hin zu solch unscheinbaren Details wie dem Knistern und Knacken des Motors nach dem Abstellen eures Fahrzeugs. Toll!

Auf PS4 Pro und Xbox One X bekommt ihr das Abenteuer in nativem 4K präsentiert. Auf der PS4, Xbox One und Switch hingegen gibt es 1080p. Die Switch-Version leidet öfters unter Slowdowns, während der Fahrt ins Bild ploppende Objekte sowie kleinere Grafikfehler wie aufblitzende Schatten. Unterm Strich ist die technische Umsetzung jedoch auf allen Plattformen sehr gut geworden und insbesondere auf der Switch angesichts der verwendeten Hardware beeindruckend.

Switch-Besitzer bekommen zudem ein sehr gut implementiertes HD Rumble, welches einen Schüsse wie Explosionen, aber auch simple Tätigkeiten wie das Erklimmen von Leitern hautnah spüren lässt. Eine Bewegungssteuerung gibt es (optional) auch noch, diese konnte uns aber nicht überzeugen. Gestaltet sie sich doch noch hakeliger als ohnehin schon.

L.A. Noir - Wertung/Fazit

86 Sehr Gut

Ich habe L.A. Noire seinerzeit ausgelassen und konnte daher völlig unvorbelastet in Cole Phelps Abenteuer starten. Trotz diverser Unkenrufe, welche sich das Spiel bereits 2011 gefallen lassen musste, kann ich diese jedoch nur bedingt nachvollziehen. Kleinere Makel wie unnütze Hinweise am Tatort, die nicht vorhandene KI von NPCs oder hin und wieder Slowdowns lassen sich leicht verschmerzen. Die hakelige, etwas träge Steuerung ist hingegen enttäuschend und auch das mitunter undurchsichtige Bewertungssystem für euer Vorgehen sorgte für Stirnrunzeln.

Dennoch: Ich wurde bis zum grandiosen Finale bestens unterhalten. Story, Charaktere sowie die Inszenierung sind, passend zum Ort des Geschehens (Hollywood), filmreif inszeniert. Die Dialoge brilliant geschrieben, der jazzige Soundtrack im besten Stile der 1920er bis 1940er mit eigens aufgezeichneten Songs eine Wucht. Nur Coles unsympathischer Charakter hat mich davon abgehalten, noch tiefer ins Geschehen einzutauchen. Doch dieser Umstand ergibt im Kontext der Geschichte Sinn, wenn es auch womöglich nicht die beste Designentscheidung gewesen sein mag. Wer auf spannende (Krimi-)Geschichten, interessante Charaktere sowie gut geschriebene Dialoge steht, macht mit L.A. Noire nichts falsch.

  • User Ratings (2 Votes) 8.5
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About Author

Alessandro

Gamer. Geek. Minimalist. Seine größte Leidenschaft wurde auf 8bit-Konsolen entfacht und ist bis heute ungebrochen. Liebt unkonventionelle Titel abseits des Mainstreams ebenso wie AAA-Blockbuster.

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