Leben ohne Tutorial – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

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The Witcher 3 verspricht 300 Stunden Spielzeit. Das entspricht ungefähr 2 Wochen. 24/7 Zocker-Mania. Der Monat hat ca. 720 Stunden, davon schlafen wir ungefähr 240 Stunden, arbeiten durchschnittlich 165, verbringen 15 auf Toilette, Essen 13 und verplempern 18 Stunden mit dem Weg zur Arbeit oder nach Hause.

Wir haben also durchschnittlich von den 720 Stunden noch 267 für Freizeit. Das ist ein anständiges Maß. Umgerechnet 11 Tage. Zugegeben, wir müssen noch einkaufen. Das dauert im Monat 8 Stunden. Wenn wir eine Partnerin und Kinder berücksichtigen, für die wir durchschnittlich 125 Stunden erübrigen, haben wir immer noch 134 Stunden nur für uns. Stolze 6 Tage im Monat. Wir können The Witcher 3 also in 2,5 Monaten abschließen. Ist es nicht wunderbar erwachsen zu sein?

Die Philosophie von »viel hilft viel« greift beim Spielekauf erstaunlich gut. Warum 19 Euro für Inside ausgeben, dass uns vielleicht zwei Stunden unterhält, wenn wir für 60 Euronen The Witcher 3 bekommen? Eine Kiste Wasser für zwei Euro ist ja der Drei-Euro-Flasche Edellimonade erfrischungstechnisch deutlich überlegen. Der Unterschied ist natürlich, dass Trinken kein Event ist, sondern beiläufig getan wird. Spielen hingegen braucht Zeit.

Wir müssen uns auf das Spiel einstimmen, runterkommen und uns konzentrieren. Als Kind ist Zeit etwas anderes. Durch den jungen Metabolismus und die schnelle Zellregeneration erscheint uns eine Stunde wie drei. Wenn wir uns also an die vielen Spiele unserer Jugend erinnern, gaukelt uns unser Gehirn vor, wir hätten schier ewig gezockt. Die Wahrheit ist aber, dass wir nur 1/3 der Zeit vor der Glotze verbracht haben. Dieser Umstand, in Kombination mit der Persistenz eines jungen Gehirns sorgen dafür, dass wir uns an die beste Art Mario Bros. durchzuspielen erinnern, nicht aber an die P/Q Formel. (1-1, 1-2, warp 4-1, 4-2, warp 8-1). Zumindest sieht es einer mathematischen Formel ähnlich, was will man mehr?

Die Spiele dieser Zeit, die eine Dauer von mehr als 12 Stunden haben, wie Earthbound Beginnings, Mystic Quest oder Link to the Past, erwecken in uns nun im Rückblick das Gefühl von einer langen Odyssee. Der steinige Weg zum Manadrachen war unser Jakobsweg. Dieser Umstand erzeugt Nostalgie. Das Gefühl, etwas Wunderbares erlebt zu haben. Diese Art Verbindung zu einem Erlebnis können wir erzeugen, bis wir 21 Jahre alt sind. Danach fangen die Zellen unseres Körpers an, sich langsam auf Teilzeit zu verlegen. Kurz darauf machen sie nur noch Heimarbeit, um dann übergangslos in die Rente zu gleiten. Wir können natürlich über das 21. Lebensjahr hinaus nostalgische Momente erzeugen, dies fällt uns aber immer schwerer.

Hui. Das waren aber viele Zahlen und Fakten für einen Artikel von Tim. Richtig anstrengend war das. Dazu kommt, dass das Lesen bis zu dieser Stelle ungefähr drei Minuten gedauert hat und wenn Ihr nun auch noch über 25 Jahre alt seid, dann muss ich Euch mitteilen, dass alle 1,8 Minuten eine Gehirnzelle stirbt. Ihr seid also tatsächlich jetzt grade dümmer, als zu dem Zeitpunkt als Ihr begonnen habt diesen Artikel zu lesen. Tut mir leid, dass Ihr es auf diesem Weg erfahren musstet. Machen wir also weiter, bevor wir zu blöd sind, um aus einem fahrenden Bus zu gucken.

Wann wird aus Zeitvertreib nun Zeit totschlagen? Meistens wenn wir anfangen Nebenmissionen anzunehmen, die im Kern nur Fingermuskulatur-Workout sind. Gehe da vorne hin. Töte drei Argus-Ratten. Komm wieder zurück zum Startpunkt. Was fehlt in diesen drei Sätzen? Spaß und Anspruch. Der sogenannte »Filler-Content« soll die Spielzeit ausdehnen. Manchmal ist er gut gemacht, wie die »Fliegen«-Episode in Breaking Bad, meistens aber ist es eher wie die 2. Staffel The Walking Dead. Neben dem viel Bang für Bares spielt noch etwas beim Softwarekauf rein. Wie vorhin gesagt, verbinden wir »Lange Spielzeit gleich episches Erlebnis« durch die Nostalgie unserer Jugend. Vergessen aber, dass ein Secret of Evermore weit weg von 300 Stunden Spielzeit war. Wir kaufen also diese gewaltigen Spiele, doch viele von uns finden dann nicht die Zeit sie zu bewältigen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, im Grunde aber einfach: Wir tragen mehr Verantwortung und haben andere Verpflichtungen.

Damit kommen wir zu einer meiner Lieblings Phrasen: »Ich habe keine Zeit zum Spielen, ich hab ein Leben«. Videospiele sind seit 29 Jahren eine Konstante in meinem Leben. Ohne Frage gibt es Phasen, in denen andere Dinge wichtiger sind. Einen Nintendo DS zur Geburt mitbringen und nutzen gilt gesellschaftlich immer noch als unangebracht und Pokémon am offenen Sarg zu fangen, kommt etwas respektlos rüber (auch wenn das Tragosso wirklich selten ist).

Wie jedes Hobby verlangen auch Videospiele ein gewisses Maß an Hingabe und Konsequenz. Ich spiele im Monat durchschnittlich 130 – 160 Stunden. Ich kämpfe um diese Zeit. Ich nehme auch mal Stress in Kauf. Wenn man Vollzeit beschäftigt und verheiratet ist, sowie zwei Kinder hat und nebenbei versucht jeden Freitag eine Kolumne zu verfassen, an der sich ein paar Leute erfreuen, dann ist es nicht immer leicht, das alles unter einen Hut zu bekommen. Am Ende des Tages jedoch ist es das wert. Weil Zeit etwas Wertvolles ist. Weil Zeit vergänglich und unwiederbringlich ist. Wir können darüber debattieren, ob wir Zeit durch Videospiele verschwenden oder feststellen, dass jede Minute Glück in der Erinnerung ein Leben dauert, während Unglück im Gedächtnis nur ein Aufflackern hinterlässt.

Ihr habt ungefähr 10 Minuten zum Lesen dieses Artikels gebraucht. Ich habe 2 Stunden an ihm geschrieben. Und wisst Ihr was, Ihr seid das schon wert.

Danke für Eure Zeit. Rückgabe ausgeschlossen. Wenn Ihr jetzt noch einen Moment habt, schreib doch mal, welche Spielzeit Euch als ausreichend erscheint oder welches Spiel Euch am längsten beschäftigt hat. Nimmt Euch die Zeit, sonst ist sie weg.

Teile.

Übern den Autor

Tim

Geboren 1983, verursachte Tim, kurz nach der Geburt, den Videospielcrash. Vertrug sich allerdings 4 Jahre später mit der Branche und entschied sich fernerhin sein Leben mit ihr zu Teilen. Es gibt zwar manchmal Streit aber wenigstens dem gemeinsamen Kind geht es gut, auch wenn es den Keller nie verlässt.

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