Leben ohne Tutorial – Religion in Games: Der Pakt mit dem Teufel?

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr +

Was Ihr auf Erden für wahr erachtet, erachte ich im Himmel für wahr. Religion hat heute keinen leichten Stand. Abhängig davon mit wem Ihr sprecht, kann es passieren das Euer Gegenüber vor Wut explodiert oder Euch aus seinem Freundeskreis exkommuniziert. Dabei biete Religion einen reichhaltigen Nährboden für fiktionale Werke. Böse Zungen meinen sogar, dass Religion selbst auf fiktionalen Werken basiert. Weil solche Diskussionen aber den Mehrwert von einer Flasche Punica haben, grätschen wir gekonnt an ihnen vorbei und reden stattdessen über Religion in Spielen und was sie so spannend macht.

Immer der moralische Zeigefinger

Religion ist in Spielen meist in der antagonistischen Ecke des Spektrums aufzufinden. Ob wir in Earthbound einen Kult bekämpfen, in Secret of Mana eine Sekte, in Dead Space eine säkulare Religion in Form von Unitology oder in Silent Hill eine radikale Glaubensgemeinschaft: Religion dient oft als einfaches Motiv für fehlgeleitete, gewalttätige Extremisten. Gerade bei Sekten haben wir schnell ein Feindbild und können mit dem minutiösen Abschlachten beginnen.

Bioshock Infinite bedient sich diesem Motiv, indem unser Gegenspieler als gottgleich eingeführt wird, als Erlöser und Messias. Der Twist am Ende des Spiels hebt schön hervor, wie ein Mensch unter den richtigen Umständen zum erbarmungslosen Despoten werden kann, der sich religiöser Motive als zusätzliche Absicherung seiner Macht bedient. Je mehr man drüber nachdenkt, umso mehr fallen einem die Spiele-übergreifenden Parallelen auf. Religion und die Kirche haben in vielen Spielen eine dunkle Seite: In Castlevania zum Beispiel, wo die Kirche den Helden beauftragt, um ihn dann fallen zu lassen und zu jagen.

In Vampire: Die Maskerade hat unser Held Christoph dasselbe Problem: Kaum in einen Vampir verwandelt, wird der gläubige Held von der Kirche verfolgt. Die zwei vorherrschenden Motive scheinen zu sein: Religion ist böse oder Religion ist arglistig und verräterisch. Beides nicht unbedingt die beste Werbung für Religion als Ganzes.

Wenn klassische Religionen mal positiv dargestellt werden, neigen sie zur Machtlosigkeit. So bietet uns die Kirche in The Legend of Zelda: A Link to the Past oder The Legend of Zelda: A Link Between Worlds keinen Schutz vor dunklen Mächten. In Splatterhouse zieht die Kirche das Böse sogar an.

Was allerdings Schutz bietet, ist der Glaube. Klar getrennt von der Religion, entfaltet der Glaube an Symbole und Riten in Spielen oftmals seine Macht. Ob nun in Dantes Inferno, Castlevania oder Vampire: die Macht des Glaubens ist konträr zur Religion sehr effizient. Ein anderer Weg sich Götterglaube und Religion zu nähren ist die Gott-Simulation, wie z.B. in Black and White, Dust oder im erweiterten Sinne Okami. Es gibt also viele Herangehensweisen an das Thema, wobei der kritische Umgang mit Religion überwiegt.

Geht es nicht auch anders?

Eigentlich ist das Schade. Gerne würde ich mal einen praktizierenden Moslem, Christen oder Juden spielen, der im Spiel gegen die Monster der jeweiligen Religion kämpft. Ein Exorzist, Rabbi oder Imam als Figur. Ohne große Wummen, sondern mit einem glaubenskonformen Waffenarsenal und vielleicht einen RPG-Fundament, das mehr Richtung Shadowrun oder Chutulu geht.

Ich habe dabei kein klassisches Biblegame im Sinn, sondern eine respektvolle, aber coole Version von Religion. Ohne ständiges atheistisches Gehabe, welches mit erhobenem Zeigefinger auf die Fehler der Religion hinweist. Man muss nicht religiös sein, um das Potenzial von religiösen Geschichten zu sehen. Es ist leider selten, dass Spiele diesen Weg einschlagen. Vermutlich aus Angst vor Kontroversen oder schlimmeren Reaktionen.

Ein hervorragendes Beispiel für die Einbindung der Religion ist The Binding of Isaac, welches nur oberflächlich die Religion angreift, durch das Motiv der gottesfürchtigen, mörderischen Mutter. Doch bei genauerer Betrachtung finden wir mit der Mutter eine Figur, welche die Erlösung durch Religion darstellt.

So nutzt Isaac viele religiöse Motive und Symbole, bezieht aber auch klar Stellung zu moralischen Fragen, indem man z.B. den Devil Deal als schnellen Weg zu mehr Schaden zeigt, allerdings auf Kosten von Lebenskraft. Während der Angel Deal auf Beharrlichkeit setzt, aber dem Spieler nichts abnimmt. Doch selbst Isaac bleibt dabei in selbst gesetzten Grenzen. So finden sich keine jüdischen oder islamischen Motive.

Ebenfalls positiv zu bewerten ist zudem Dead Space, wo zwar viele Unitologisten sind, diese deshalb aber noch lange nicht radikal sind. Genau, wie viele Christen nicht sofort eine Abtreibungsklinik anzünden würden, nur weil sie katholisch sind. Dead Space hat den Vorteil, dass es eine Fantasiereligion benutzt. Warum aber ist ein Survival Horror Game besser in der Lage zu differenzieren, als Assassin’s Creed und sämtliche Tom Clancy oder Splinter Cell Spiele? Da stimmt doch was nicht.

Glorreiche Zukunft der Games?

Ich denke, man nimmt sich durch vorauseilenden Gehorsam gerade gegenüber Judentum oder dem Islam, viele Chancen auf eine Normalisierung des Themas. Es ist doch irgendwie verquer, wenn Sex, Nacktheit und Sexualität allgemein immer mehr in Spiele eingebunden werden, während man zeitgleich ein anderes Thema tabuisiert, aus Angst jemanden vor den Kopf zu stoßen.

Das man in Mass Effect mit Außerirdischen anbändelt, finde ich uninteressanter als z.B. einen echten religiösen Konflikt auszuspielen. Wenn es normal sein soll das wir eine Figur mit beliebiger Hautfarbe und Sexualität spielen, warum kann diese dann nicht auch praktizierender Gläubiger sein? Mir ist der Unterschied von Vererbung und Gesinnung durchaus bewusst, allerdings finde ich es nicht abnormal mich zur Abwechslung mal in eine religiöse Figur zu versetzen.

Ich glaube, wir sollten uns bemühen, eine Normalisierung zu erreichen. In der Lage dazu wären wir. Vielleicht kann man dann ein Gone Home sehen, bei dem es am Ende um einen Konvertiten geht. Ohne das wir annehmen, das konvertieren gleichbedeutend ist zu Extremisten.

Teile.

Übern den Autor

Tim

Geboren 1983, verursachte Tim, kurz nach der Geburt, den Videospielcrash. Vertrug sich allerdings 4 Jahre später mit der Branche und entschied sich fernerhin sein Leben mit ihr zu Teilen. Es gibt zwar manchmal Streit aber wenigstens dem gemeinsamen Kind geht es gut, auch wenn es den Keller nie verlässt.

Kommentieren