Raging Justice: Die Exekutive sieht rot – Test (Switch)

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr +

Justizia ist blind und stinksauer, denn es ist etwas faul in Big Smoke City. Zum einen die Polizei und zum anderen der Kern der Gesellschaft. Der Siedepunkt ist erreicht, als kriminelle Unholde den Bürgermeister entführen. Jetzt ist es Zeit das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen und diese zu einer rechtschaffenden Faust zu ballen. Ob sich Selbstjustiz lohnt oder ob man lieber eine Anzeige erstattet, erfährst du im Test zum Beat’em Up Titel Raging Justice für Switch.

Präsentation

Das Spiel Raging Justice vom Entwickler MakinGames fühlt sich an, als würde man in den späten Neunzigern eine Spielhalle betreten. Die spartanischen Menüs laden nicht zum Verweilen ein, sondern nötigen uns zu einem schnellen Einstieg in die Welt von Big Smoke City, dem Handlungsort von Raging Justice. Zuvor dürfen wir allerdings noch einen von drei feschen Gesetzeshüter wählen und den Schwierigkeitsgrad festlegen. Die Grafik von Raging Justice bezieht ihre Inspiration aus späten Playstation 1 Beat’em Ups und Spielhalle Klassikern wie Final Fight, anders als die Vorbilder kommt das Spiel aber in einem sauberen 3D Renderlook daher und hebt sich somit ab von der, durch Pixelart definierten, Konkurrenz.

Was Raging Justice dadurch gelingt, ist die Emulation einer sehr spezifischen Zeitperiode. Es sieht aus und hört sich an wie ein Titel aus jener Übergangsphase des Medium von Pixel zu 3D. Der Nachteil des gewählten Stils ist hierbei, dass es für moderne Augen ein bisschen billig und unattraktiv aussehen kann. Ist man allerdings mit besagtem Stil aufgewachsen, kann man sich nicht eines wohligen, nostalgischen Schauerns erwehren. Raging Justice setzt nicht auf Grau und Braun sondern malt seine Charakter und Umgebungen mit einem dicken, vor Farbe tropfenden, Pinsel. Das Gegnerdesign deckt vom hageren Hempfling bis zum überlebensgroßen Übeltäter sämtliche klassischen Feindesarten des Beat’em Up Genres ab.

Die Animationen können etwas hölzern wirken, es liegt allerdings der Verdacht nahe, dass dies eine Hommage an eben diese Spielhallen Klassiker darstellt, welche bewusst weniger Animationsphasen nutzten um dem Spieler ein besseres Verständnis für das Angriffsschema der Gegner zu vermitteln. Man kann Raging Justice vorwerfen, dass es sich durch seinen Stil auf einen Nischenmarkt konzentriert und damit einen Mainstream Erfolg ausklammert. Man kann dem Titel allerdings keine Inkonsequenz vorwerfen, wenn es um die Umsetzung seiner künstlerischen Identität geht.

All dieser Ecken und Kanten zum Trotz entpuppt sich Raging Justice als ein fein konzipiertes Uhrwerk, welches allerdings 1999 seinen Geist aufgegeben zu haben scheint und seitdem im Zeitalter von Loveparade und Bravo TV feststeckt. Was auf den ersten Blick als Makel deklariert werden könnte, entpuppt sich beim näheren Betrachten allerdings als wunderbare Zeitkapsel für Spieler die in jener Zeit dem Hobby frönten.

Der rote Faden der Authentizität zieht sich nicht nur durch die Grafik, auch der Soundtrack und das Sounddesign wurden offenbar aus jener fernen Zeit der wilden Neunziger importiert. Die Schläge, Tritte und Würfe knallen formvollendet aus den Boxen, während sich die Musik nicht zu fein ist auch mal ein Saxophon unter zu mischen. Die Basis des Soundtrack wird von E-Gitarren Synthesizer und Drum Box gebildet, welche es verstehen die klassische Kneipen-Arcade Stimmung zu erzeugen. Die Musik hat zwar kein Ohrwurmpotential, hebt sich aber deutlich von anderen, eher zweckdienlichen und schlussendlich langweiligen, Konkurrenzprodukten ab. Die Effekte entfalten ihren ganzen Charme während der ausladenden Kampfsegmente. Da klirren die Flaschen an schurkische Schädel und Schienbeine passen sich ergonomisch, und untermalt von dumpfen Einschlägen, an Baseballschlägern an. Es ist ein Genuss.

Die Handlung präsentiert sich überschaubar. Raging Justice ist offensichtlich kein Shakespeare und versucht gar nicht erst Tiefe zu erzeugen. Die Dialoge haben ihre Wurzeln in die Neunziger Jahre geschlagen und ziehen aus diesen ihr gesamtes Repertoire. Interessanterweise versucht das Spiel nicht seine Prämisse durch Augenzwinkern oder Ironie zu verwässern, sondern nimmt sich auf charmante Art Ernst. Dies gereicht ihm durchaus zum Vorteil in einer Zeit in der viele Retrospiele sich auf einer Metaebene über sich selbst lustig machen, und sich auf diese Weise distanzieren von ihrem jeweiligen Vorbild.

Gameplay

Wie Anfangs erwähnt gibt uns das Spiel die Wahl zwischen 3 Charakteren: Rick Justice, Nikki Rage und Ash King. Rick ist der Haudrauf des Trios. Er nutzt wuchtige Tritte und Schläge um Gegner dann mit brutalen Überwürfen zu Boden zu bringen. Sein Fokus liegt auf der Zufügung von Schaden auf Kosten der Beweglichkeit. Nikki ist die Allrounderin. Sie bietet Anfängern einen ausgewogenen Einstieg zwischen Schaden und Schnelligkeit. Ash ist der schwächste Charakter, gleicht dies allerdings mit hoher Beweglichkeit wieder aus. Der erfahrene Leser erkennt hier das klassische Beat’em Up Ensemble. Zudem dürfen wir im Hauptmenü zwischen dem Storymodus und einem Überlebensmodus wählen, sowie im Optionsmenü einige Feineinstellungen vornehmen und unsere Highscore online in Bestenlisten vergleichen.

Das spielerisch Interessante an Raging Justice liegt in einem anderen Bereich. So wurde dem Spiel ein Missionsmodell aufgesetzt, welches dem Spieler erlaubt als „Good Cop“ oder „Bad Cop“ zu agieren. Diese Unterscheidung dient dem Spiel auf clevere Weise. Der gute Bulle benutzt nämlich keine der manigfaltigen Waffen die das Spiel ihm offeriert, sondern benutzt nur seine Fäuste und anderen Extremitäten um Verbrecher zu betäuben und festzunehmen. Tut er dies, wird er mit Heilungsitems belohnt. Der böse Bulle verhält sich wie Mad Max in der Donnerkuppel. Egal ob Vorschlaghammer oder Hydrant, alle Mittel sind ihm Recht um die Ganoven statt in die Zelle direkt ins Mausoleum zu prügeln. Der böse Bulle streicht hierfür Wertgegenstände ein und erhöht so seinen missionsrelevanten Highscore. Die Missionen in Raging Justice setzen sich aus kleinen Herausforderungen zusammen, wie zum Beispiel einer zeitlichen Vorgabe oder einer Mindestanzahl verhafteter Krimineller.

Spielerisch hat Raging Justice alles was das Herz des Beat’em Up Fans erwärmt. Wunderbar ausführbare Kombos können schnell mit Sprung-oder Tackle Angriffen verknüpft werden. Griffe bieten mehrere Optionen zum weichklopfen und ein 2-Spieler Modus sorgt für ausgelassene Prügelorgien. Einzig die etwas zu großen Trefferzonen und einige schwer vorauszusehende Attacken und Umweltgefahren bieten Anlass zum Nase rümpfen. So wird man gelegentlich vermöbelt obschon man eigentlich ausser Reichweite steht und erleidet Schaden, weil manche Attacken nicht gut kommuniziert werden. Darüber hinaus bietet Raging Justice allerdings einen fairen Schwierigkeitsgrad mit mehreren, sammelbaren Continues und Checkpoints. Leider ist das Spiel schon nach wenigen Stunden vorbei und bietet bis auf die höheren Schwierigkeitsstufen und Missionen wenig wiederspielwert.

Fazit

Raging Justice bereitet mir Freude. Es ist, als würde ein alter Freund dich besuchen und ein paar Bier mitbringen. Du weißt zwar, dass er nicht lange bleibt, aber die gemeinsame Zeit ist trotzdem wertvoll. Nicht selten strich ich mir während des Spielens wohlwollend über den Bart und grunzte zufrieden. Für Leser mit einer bewegten Vergangenheit in den Neunzigern ist Raging Justice mit 15 Euro eine gute und preiswerte Investition, aber auch jüngere Beat’em Up Freunde sollten einen Blick auf diesen kleinen Titel werfen.

Teile.

Übern den Autor

Tim

Geboren 1983, verursachte Tim, kurz nach der Geburt, den Videospielcrash. Vertrug sich allerdings 4 Jahre später mit der Branche und entschied sich fernerhin sein Leben mit ihr zu Teilen. Es gibt zwar manchmal Streit aber wenigstens dem gemeinsamen Kind geht es gut, auch wenn es den Keller nie verlässt.

Kommentieren