Seitenstiche – Die Qual des Sidequests – Leben ohne Tutorial

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Wenn mir im echten Leben jemand sagen würde:  „Bring mir 10 Knallarsch Schnäbel“, wäre ich wohl irritiert, dann interessiert, um dann wieder in einen Zustand der Irritation zu verfallen. In Spielen hinterfrage ich generell weniger. Es geht mich auch nichts an, was irgendwer mit zehn Knallarsch Schnäbeln will. Selbst ein „Bring mir 20 Eimer voll Sülze“ bleibt von mir unhinterfragt. Meinen Archetyp in Spielen kann man als willfährig bezeichnen. Wenn es an einem Schwarzen Brett hängt oder ein in Lumpen gehüllter Fremder mich um etwas bittet, zum Beispiel: „Das Buch des Unlebens und des Untergangs“ , dann hol ich ihm das. Ich bin quasi der Jason Statham der Videospiele. Ich stelle keine Fragen und ich öffne niemals das Paket.

Das Problem, das ich habe, ist der Umstand, das ich es liebe Sidequests zu erledigen. Ich bin da wie Monk. Wenn das Schwarze Brett nicht leer ist, möchte ich am liebsten meine Nase abschneiden, die Löcher mit Kresse füllen und sie verspeisen. Eine ganz normale, rationale Stressreaktion würde ich sagen. Am liebsten nehme ich alle Nebenaufgaben gleichzeitig an, erfülle diese dann und lasse anschließend XP auf mich regnen.

Dieses Verhalten hat seinen Ursprung in früheren RPGs, wo die Gefahr unterlevelt zu sein omnipräsent war. Im Grunde will ich die Nebenaufgaben erledigen, um durch die Hauptaufgabe durchzugehen wie eine Flex durch Butter. Will man einen erwachsenen Mann weinen sehen, genügt bei mir der Text „Sie können diese Quest nicht mehr abschließen“. Das prangt dann für immer in meinem Questlog. Man könnte da auch hinschreiben „Dein Hund ist tot und keiner hat dich lieb“. Hätte die gleiche Wirkung.

Gute Sidequests sind die, die ich erfülle, ohne das ich sie zuvor angenommen habe. „Bring mir 15 Kodo Mägen…Oh die hast du dabei?“ Der Questgeber fragt nicht, warum ich mit 15 Mägen durch die Steppe von Kalimdor renne, und ich sage es ihm auch nicht. Wüsste er es, sähe er mich vermutlich mit anderen Augen.

Schlechte Sidequests sind alle, die versuchen mir eine epische Geschichte zu erzählen. Da ich die Questeinleitung meistens komplett überspringe. Es interessiert mich nicht, ob die Bauerstochter gezwungen wird den Baron von Harnpilz zu heiraten und das ihr Herz in Wirklichkeit dem Dorfdödel gehört. Es interessiert mich noch viel weniger, dass der Dorfdödel zwecks Heiratscrash einen schöneren Ring als Baron Harnpilz braucht. Was mich interessiert ist: Besorge den Ring aus der Höhle der Trogolodyten. Gefunde Ringe 0/1.

Ich will dann auch einen Marker mit Meterangabe. Eine Arealmarkierung auf meiner Karte und eine Benachrichtigung, wenn ich den verfluchten Ring gefunden habe. Was ich nicht will, ist ein: „Irgendwo in Primodia lebt irgendein Tier, dass irgendwas irgendwann tut. Bring mir zehn Fußnägel“. Bitte, tun wir nicht so als würdest du mich auf eine epische Reise voller Magie und Wunder schicken. Du willst die Spielzeit strecken und ich will grinden. Spar dir den Jane Austin Roman und komm zur Sache. Du hattest mich schon beim Hallo.

Wenn mir jetzt aber ein Spiel eine Endlosaufgabe gibt, ohne mir zusagen, dass es eine Endlosaufgabe ist, dann erwacht mein innerer Autist. Da habe ich schon 45 mal dieselbe Aufgabe gemacht, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass es ein Wiederholungsquest ist. 15 Stunden später gab ich dann auf, verstört, verbittert und deinstallierend. Man sagt ja, verrückt ist, wer dasselbe Experiment immer wieder durchführt und ein anderes Ergebnis erwartet. Wenn das stimmt, war ich eine Zeit lang ganz weit oben in der „Arkham sucht den Super Spinner“ Liste.

Aufgrund dieser, vermutlich krankhaften Neurose, fehlt mir das Verständnis, wenn es heißt „Der Weg ist das Ziel„. Das Ziel ist das Ziel und mein Ziel ist die Rüstung der stacheligen Gestalt mit Dornen AddOn. Problem ist, sobald ich die Rüstung der stacheligen Gestalt mit Dornen AddOn (Kurz : RdsGmDAO, gesprochen: Redsgemdau) dann besitze, breitet sich in meinem Innern eine tiefschwarze Leere aus. Das ist so, als würdest du, werter Leser, ein Jahr lang auf einen Luxus Kühlschrank sparen, nur um nach dem Kauf zu bemerken, dass er weder durch deine Tür noch durch dein Fenster passt. Zudem könnte ich darauf wetten, dass sobald ich die RdsGmDAO in meinen gierigen Finger habe, der Dorfschmied eine Rüstung verkauft, die einen Punkt mehr auf Ausdauer gibt als die RdsGmDAO. Das sind die Momente, in denen ich Nasenbluten bekomme, vermutlich liegt dies aber an den mehrfachen Schlägen auf die eigene Stirn.

Die Folge dieser Sidequestsucht, ist der sofortige Burnout nachdem das Spiel beendet wurde. Wie oft habe ich mir schon gesagt: „Das machst du später“, nur um mich dann dabei zu erwischen, wie ich das Spiel in die tiefsten Tiefen meines „Regals der unendlichen Suche“ quetsche. Meistens will ich das Spiel nie wieder sehen. Ich versuche also nichts aufzuschieben, in dem Wissen, dass wenn ich es aufschiebe, es nie erledigt wird. Damit geht der Burnout nachdem Spiel aber in den Super Saiajin Modus, weswegen das Spiel eine hohe Chance hat, nach dem beendigen, im nahegelegenen Baggersee zu landen.

Was also tun? Nichts. Man kann ja nur schlecht ändern, was man mag. Und warum sollte man? Was ist schon ein kleiner Burnout, wenn man zuvor 150 Stunden Spaß hatte? Und so werde ich auch dem nächsten Bauern, der nach den Fußnägeln eines Krathdrachens fragt, ohne Worte diese bringen, und wenn die Belohnung dann ist, dass er mir eine Kette aus den Fußnägeln macht…umso besser.

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Übern den Autor

Tim

Geboren 1983, verursachte Tim, kurz nach der Geburt, den Videospielcrash. Vertrug sich allerdings 4 Jahre später mit der Branche und entschied sich fernerhin sein Leben mit ihr zu Teilen. Es gibt zwar manchmal Streit aber wenigstens dem gemeinsamen Kind geht es gut, auch wenn es den Keller nie verlässt.

1 Kommentar

  1. Sau geil
    Habe ein paar mal laut losgelacht

    Vor allem bei Jason Statham der Sidequests, der nicht fragt und das Paket ungeöffnet abliefert. (Ernsthaft, bei Sidequests die diese Option bieten habe ich noch *kein* Spiel erlebt, in dem das neugierige Öffnen des Pakets eine bessere Belohnung gibt! Taktik: Speichern, Öffnen, Erkenntnis: “ Aha, der Typ plant Verrat“, Laden, Abgeben, “ Oh ein verschlossenes Paket, du weißt also nichts von meinen Plänen. Hier, brave, hirnlose Drohne, nimm mehr XP und Gold, als ich dir für ein geöffnetes Paket gegeben hätte.“, hören.)
    Und bei der questgeber fragt nicht und ich sag es ihm auch nicht, warum ich mit 15 Kodo Mägen durch Kalimdor renne, hab ich auch herzlich losgelacht.

    Der Kühlschrank Vergleich ist etwas unnötig. Das beklemmende Gefühl wenn man die lang ersehnte RdsGmDAO dann endlich hat und sie auch nur wie jede andere Rüstung in den Equipment Slot gleitet, der Boss Mob einen immernoch umklatscht wenn der Heiler nicht aufpasst und man sich auf einmal einen neuen McGuffin suchen muss, kennen wahrscheinlich 99% deiner Leser
    Ich hab mich jedenfalls sau oft mit dem Inhalt deines Artikels identifizieren können.

    Den Absatz mit dem Burnout und dem Regal der nie wieder angefassten Spiele finde ich eher unverständlich. Ich kann dir da irgendwie nicht folgen.
    Ach und der Part mit den Endlosaufgaben die nicht als solche erkennbar sind… Skyrim? Ich hab das gleiche durchgemacht. Einen nach dem anderen in der Hoffnung, dass es zu irgendwas führt. Schrecklich!

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