Transference: The Walter Test Case – Ein Trip in die Abgründe der menschlichen Psyche

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Letztes Jahr auf der E3 hat Ubisoft in Kollaboration mit SpectreVision ein kurioses (VR-)Erlebnis namens »Transference« angekündigt. Wem SpectreVision kein Begriff ist: Es handelt sich dabei um ein kleines Studio, welches sich auf Indie-Filme und -Spiele fokussiert. Creative Director ist niemand geringeres als Elijah Wood (»Der Herr der Ringe«, »Dirk Gentlys holistische Detektei«). Besagter Trailer warf jedoch mehr Fragen auf als er Antworten liefern konnte. Auf der diesjährigen E3 sorgte eine weitere Bewegtbildvorschau für etwas mehr Klarheit. »Transference« ist im Kern ein psychologischer Thriller in Form eines Walking Simulators, welcher Live-Action-Filmsequenzen mit Gameplay aus der Ego-Perspektive kombiniert.

Ihr seid Teil eines Experiments eines verwirrten Wissenschaftlers, welcher euch via Virtual Reality in die gestörten Gedanken einer anderen Person befördert. Virtual Reality kann wörtlich verstanden werden, denn ihr dürft all das optional tatsächlich hautnah via PlayStation- oder PC-VR-Headset miterleben. Auch wenn das Erlebnis auf traditionelle Weise ebenfalls sehr packend ist, solltet ihr euch nach Möglichkeit unbedingt via VR in die bizarre Gedankenwelt stürzen. Auf diese Weise gestalten sich die Immersion sowie die dichte Atmosphäre unbeschreiblich beklemmend, fast schon erdrückend. »The Walter Test Case« dient dabei als Prequel. Dessen Ereignisse finden einige Jahre vor den Geschehnissen in »Transference« statt, handelt jedoch von anderen Charakteren. Dennoch sollen die Vorkommnisse in Verbindung zur Handlung des Hauptspiels stehen.

Neurowissenschaftler Raymond Hayes möchte uns in Sicherheit wiegen.

Walter

Raymond Hayes, besagter Neurowissenschaftler, erklärt mir zunächst, dass ich nach Aufsetzen des VR-Headsets den digitalen Aufzeichnungen der Erinnerungen eines Probanden namens »Walter« beiwohnen kann. Walter leidet unter posttraumatischen Störungen. Kein Grund zur Beunruhigung, versichert mir Mister Hayes. Ich könne dabei nicht verletzt werden. Zumindest in körperlicher Hinsicht sollte er wenigstens recht behalten…

1993. Ich befinde mich in einer kleinen, heruntergekommenen Wohnung irgendwo in den Staaten. Die Silhouette eines kleinen Jungen manifestiert sich plötzlich vor mir. »Ich habe hier nichts zu suchen«, faucht er mir entgegen, drückt dabei auf den Lichtschalter und nach einem kurzen Moment in völliger Dunkelheit stehe ich immer noch an derselben Stelle, allerdings ganze neun Jahre später. Rechts von mir sehe ich eine unaufgeräumte Küche, links von mir blicke ich in ein kleines Wohnzimmer. Ich sehe mir zunächst die Küche näher an und neben manch seltsam flackernden Gegenständen finde ich zahlreiche, herumliegende Psychopharmaka und Antidepressiva. Verschrieben wurden diese einem gewissen »Ted Walter«, welchen ich kurz darauf im Wohnzimmer auf einem Foto erspähe. Das Bild zeigt Ted nebst Kameraden der 3. Panzerdivision im Irak anno 1991. Im TV sind verzerrte Bilder von George W. Bush, 43. Präsident der Vereinigten Staaten, zu sehen, während er über die Notwendigkeit des Irakkriegs fabuliert. Mir schwant übles im Hinblick auf das, was mich wohl in dieser Erinnerung noch erwarten wird.

Scott leidet massiv unter den Problemen seines Vaters.

Scott

Schnell bemerke ich, dass bei jedem Umlegen des Lichtschalters ein Sprung zwischen den Erinnerungen Ted Walters vom Juni 1993 sowie Juni 2002 erfolgt. Ich werde Zeuge eines zutiefst zerrütteten Familienlebens. Ted Walter kehrt als psychisches Wrack aus dem Irakkrieg zurück, bekommt weder sich noch sein Leben in den Griff, leidet massiv unter posttraumatischen Störungen. Unter Teds Zustand müssen auch seine Frau und insbesondere sein Sohn Scott leiden, weshalb es zwangsweise zu mitunter heftigen Spannungen kommt. Während sich Teds Frau von ihm trennt, um all dem zu entgehen, weiß Scott die durch die PTBS bei Ted ausgelösten aggressiven wie depressiven Gemütszustände sowie die emotionale Taubheit seines Vaters nicht einzuordnen. Er fängt nach und nach an ähnliche Verhaltensweisen wie sein Vater an den Tag zu legen.

Die Küche ist mit Antidepressiva und Psychopharmaka förmlich übersät.

Starker Tobak

Die weiteren Ereignisse des relativ kurzen Einblicks in diese zutiefst verstörenden, schockierenden Erinnerungen möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Stattdessen möchte ich euch wärmstens ans Herz legen, den »Walter Test Case« einmal selbst zu durchleben. Vorzugsweise in VR, doch auch auf herkömmliche Weise hinterlässt das Gezeigte schwer verdauliche Eindrücke, welche euch auch noch lange, nachdem ihr den Controller aus der Hand gelegt habt, beschäftigen werden. SpectreVision und Ubisoft wagen sich mit »Transference« an ein äußerst schwieriges Thema in Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Besonders gespannt bin ich darauf, wie die Entwickler auf hoffentlich respektvolle Weise ein Verständnis für das Krankheitsbild, sowie den Umgang mit diesem, schaffen wollen. Dafür ist es zwingend notwendig, den Spieler emotional zu involvieren. Es gilt eine Verbindung zwischen dem Spieler und der Situation, welche sich da vor ihm ausbreitet, herzustellen. Im »Walter Test Case« ist das bereits gelungen. Die Erkenntnis und der darauffolgende Schockmoment am Ende der Erinnerungen lassen mich schwermütig und mit offenem Mund in meinem Sessel versinken.

Teile.

Übern den Autor

Alessandro

Gamer. Geek. Minimalist. Seine größte Leidenschaft wurde auf 8-Bit-Konsolen entfacht und ist bis heute ungebrochen. Liebt unkonventionelle Titel abseits des Mainstreams ebenso wie AAA-Blockbuster.

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