»Elden Ring« ist nun seit fast zwei Monaten auf unseren Festplatten zuhause, sammelt seit fast zwei Monaten inflationär orgastische Lobeshymnen ein, und seit fast zwei Monaten verzweifelt ihr demütigster Autor an diesem Spiel.

Geschätzter Leser, ich möchte, nein ich muss hier gleich zu Beginn eine Trigger-Warnung aussprechen. Wenn Sie »Elden Ring« für ein Meisterwerk halten und Sie von abweichenden Meinungen von vermeintlich nur dürftig Soulslike-qualifizierten Autoren in Wut und Raserei versetzt werden, hören Sie bitte SOFORT hier zu lesen auf!

Am Anfang ist noch alles gut. Also ganz am Anfang, als diese Expedition in mein ganz persönliches Gaming-Fegefeuer noch wie ein harmloser Jux erscheint. Sie müssen wissen, dass Ihren Autor und die Souls-Spiele nie wirklich eine enge Gemeinschaft oder gar Freundschaft verbanden. Man ist bestenfalls flüchtig bekannt. Was in erster Linie mit der Abneigung zusammenhängt, drei Minuten nach Spielstart konsequent von einem riesigen Viech verhauen zu werden. Mich nun »Elden Ring« für Sie, werte Leserinnen und Leser, erfahren zu lassen, war vielleicht überschaubar originell, versprach aber einen einigermaßen neckischen Kokolores mit drolligen Momenten. Hach, was waren wir naiv….

SPOILER SPOILER SPOILER

Bevor ich nun mit den schrecklichen Ereignissen, die mir im Spiel widerfuhren, fortfahre, möchte ich kurz auf mögliche SPOILER hinweisen. Ob das wirklich großartige SPOILER sein werden, sei dahingestellt. Allerdings lehrten mich die Recherchen der letzten Wochen, dass unter hartnäckigen Anhängern der Souls-Spiele offenbar alles, was nach dem Starten des Installationsvorgangs passiert, als SPOILER gewertet wird. Ich persönlich finde das zwar etwas kleinkariert, habe aber auch ein bisschen Angst vor diesen Leuten. Von daher: SPOILER-Warnung! Jetzt!

Mit wenig Klamotten, dafür umso mehr swag wagen wir die ersten Schritte.
Mit wenig Klamotten, dafür umso mehr swag wagen wir die ersten Schritte.

Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren! Und drückt bitte Taste A.

Frisch ins Spiel gestartet, dürfen wir uns erstmal kontextlos einen Grundcharakter aussuchen. Und was es da alles gibt! Das lässt jeden 10jährigen durchdrehen: Einen Ritter, einen Samurai, den Prince of Persia und sogar den Mann mit der eisernen Maske! Und ne Nonne. Okay. Total blank entscheidet sich ihr Autor für den Charakter, der diese allgemeine Grundstimmung am besten nach außen trägt: Den nackerten Typen ganz hinten, dem wir dank des sehr detaillierten Charaktereditors noch ne schicke zeitgemäße Friese inklusive prächtigen Pornobalken versehen dürfen. Très Chic.

Ein düsteres Intro, dessen Standbilder einem jedem Dark-Metal-Albumcover zur Ehre gereichen würde, gibt eine sehr knappe Exposition. Offenbar ist die Elden Ring-Königin verschwunden, ihr Ring der Macht, der Elden Ring, in mehrere Teile zerbrochen. Da ein Testament wohl übertriebener Luxus ist, nutzen die frechen Gören der Königin das Machtvakuum und stürzen das Land in den Krieg. Mein Job als sogenannter »Befleckter« ist es nun, den Ring wieder zusammenzubauen und so Präsident von Elden Ring zu werden. Oder so ähnlich. Klingt prinzipiell alles erstmal machbar.

Das neue Album von Axel Rudi Pell, ah nee, Moment, eine Szene aus dem »Elden Ring«-Intro natürlich.
Das neue Album von Axel Rudi Pell, ah nee, Moment, eine Szene aus dem »Elden Ring«-Intro natürlich.

Who you gonna call?

Machen wir uns also ans Werk. Da wir ja nicht weniger als die Welt retten sollen, zählt unser Held neben seinem Lendenschurz auch eine prächtige Keule zu seinem Besitz. Welche wir, gerade im Spiel gelandet, auch sogleich kräftig schwingen, um uns gegen die vielen Gespenster zu wehren, die uns umschwirren. Nach zehn Minuten planlosen Keulenschwingens dämmert ihrem leicht verwirrten Autor langsam, dass er da nicht auf Gegner, sondern auf die geisterhaften Schemen anderer Spieler einprügelt, die offensichtlich ähnlich verplant in der Gegend rum »geistern« (köstlich).

Nach dieser hochnotpeinlichen Aktion und weil wir so gar keine Idee haben, was wir hier eigentlich tun, beschließt unser schnauzbärtiges Lendenschurzmodel einfach mal, den erstbesten Pfad zu folgen, der direkt in die Arme?/Tentakel?/Extremitäten? einer riesigen Bestie führt und uns asap verscheiden lässt. Dem ganzen folgt eine kurze Cut-Scene und wir befinden uns plötzlich in einer Höhle. Und ja, das hört sich alles so verwirrend an, wie es auch tatsächlich ist. Ihr armer Autor war tagelang davon überzeugt, dass der Teil vor dem Erwachen in der Höhle ein Bug der Testversion sei.

Sämtliche »Elden Ring«-Charakterklassen beruhen im Übrigen auf den PLAYMOBIL Special Plus Figuren. Echt wahr…
Sämtliche »Elden Ring«-Charakterklassen beruhen im Übrigen auf den PLAYMOBIL Special Plus Figuren. Echt wahr…

Das Spiel bleibt sich hier erstmal treu und hält den Verwirrungslevel konsequent auf hohem Niveau: Als wir beim Vertraut machen mit der Steuerung aus Versehen in einen Abgrund hüpfen, befinden wir uns plötzlich im Tutorial. Warum bitte versteckt man ein Tutorial in einem Loch?

Dank des geheimen Tutorials lernt ihr Autor neben den Grundlagen der Steuerung auch nochmal, warum er Souls-Spiele nicht leiden kann. Der Boss am Ende der Höhle haut uns nämlich ein Dutzend Mal aus den nicht vorhandenen Stiefeln. Unter normalen Umständen hätte ihr frustrierter Autor da seine Xbox aus dem Regal gerissen und im Garten vergraben. Nur der Gedanke an Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, lässt ihn immer wieder und wieder gegen den Tutorial-Boss anstürmen. Und siehe da, nach dem drölfzigsten Versuch gelingt es endlich durch hektisches Gamepadgedrücke, dem Schuft die Karte umzudekorieren. Wir sind in dem Moment davon überzeugt, zu den zehn besten Souls-Spielern aller Zeiten zu gehören (mindestens) und werden auch sogleich reichlich belohnt. Denn, die Open-World von »Elden Ring« öffnet sich uns nun. Und diese ist wahrlich beeindruckend.

Toto, wir sind nicht mehr in Kansas

Die beeindruckende Landschaft des Startgebiets Limgrave haut uns erstmal aus dem Lendenschurz, und so folgen wir baff staunend einer Funkenspur, die uns zu einem »Ort der Gnade«, eine Art Reset-Punkt, führt. Dort erwartet uns ein seltsamer Kerl und sagt uns, wir sollen zu dem Schloss da hinten gehen, dort einen ersten Boss verhauen. Was wir da noch nicht wissen ist, dass das für die nächsten 20 Stunden die einzige Handlungsanweisung sein wird, die wir konkret vom Spiel erhalten.

Frohgemut spazieren wir in Richtung Schloss, erfreuen uns an der hübschen Flora und Fauna und entdecken schließlich ein Soldatenlager. Da wir immer noch nackert durch den Wald rennen, wächst die Hoffnung, hier vielleicht eine Hose oder so erstehen zu können. Der Soldat am Lagereingang erwidert unseren freundlichen Gruß auch sogleich mit einem gezielten Schwertstreich in unser verdutztes Gesicht und lässt die Worte »Ihr seid gestorben« vor uns erscheinen.

Entrüstet von solch einer Rüpelhaftigkeit lernt ihr Autor hier schnell und rigoros die wichtigste Wahrheit von Elden Ring: Alles und jeder will dich hier kontextlos umbringen. Sogar die Schafe!

Danke für den Hinweis…
Danke für den Hinweis…

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken des Kuhpferds

Falls Sie nicht eben aus dem Koma erwacht sind, haben Sie es vermutlich schon irgendwo aufgeschnappt: Die Open-World von »Elden Ring« ist groß beeindruckend. Und beeindruckend groß. Und auch wenn ihr gebeutelter Autor das Spiel in der Regel heulend und schluchzend bestreitet, folgt nun ein ganz großes Lob an die Damen und Herren von FromSoftware. Der Spieler bekommt nämlich kurz nach Spielstart ein Reittier zur Verfügung gestellt. Das Vieh sieht aus wie ein Pferd, hat aber Hörner wie ne Kuh. Und dieses, nennen wir es mal liebevoll Kuhpferd, ist das »Elden Ring«-Äquivalent zu dem Hop-On-Hop-Off-Touribus, den Sie vielleicht aus ihrem letzten Trip nach Barcelona oder New York oder Düsseldorf kennen.

Das Kuhpferd ist so flink, dass es uns an allen tödlichen Gefahren problemlos vorbeibringt und uns damit die ganze Welt öffnet. »Unsere Welt ist cool, guck sie dir an. Hier sind die Schlüssel für das Kuhpferd. Have Fun!« – was für eine dufte Designentscheidung. Da sagt ihr Autor gerne mal »Bravo!«. Natürlich erst viele Spielstunden später als er den Mehrwert des Kuhpferdes begreift, da das Spiel hier freilich gewohnt mitteilsarm ist.

Darf ich vorstellen. Das Kuhpferd.
Darf ich vorstellen. Das Kuhpferd.

Schöne tödliche Welt

Auf dem Rücken unseres Kuhpferds offenbaren sich uns immer wieder beeindruckende Landschaftsszenerien. Regelmäßig halten wir inne, betrachten die Welt, lauschen der atmosphärischen Musik und versuchen, den besten Winkel für einen schönen Screenshot zu finden, wobei uns in der Regel gerne ein, dem aufkeimenden Massentourismus entgegentretender Anwohner was über die Rübe zieht. Extrem unhöflich! Ihr sich echauffierender Autor muss an dieser Stelle das Spiel unterbrechen und zur Entspannung in »Forza 5« erstmal Ninja-Turtle-Sticker auf einen Jaguar kleben.

 

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Das Schweigen der Lämmer

Das Damoklesschwert der jederzeit eintretenden Entleibung führt dazu, dass man sich in »Elden Ring« in einer ständigen Bedrohungssituation befindet: Durch die Landschaft scharwenzelnde Schlägertypen, unsichtbare Fieslinge, vom Himmel fallende Wölfe, Indiana-Jones-Gedächtnis-Felskugel-Fallen. Und nie ist man sich sicher, ob das friedlich weidende Schaf da hinten uns von jetzt auf nachher vielleicht spontan vermöbeln will.

Dankenswerterweise leiden die meisten Gegner unter ausgeprägter Kurzsichtigkeit und sind auch in der Regel nicht die hellsten Kerzen auf dem Erdenbaum. Das erlaubt es uns, sich maximal auffällig anzuschleichen und üble Typen kalt zu machen, ohne dass sich deren kurz darauf über die Leiche spazierende (Ex-)Kollegen über dessen spontanes Ableben groß Gedanken machen. Es herrscht ein raues Arbeitsklima in Elden Ring.

Jedes Mal, wenn diese Worte auf dem Schirm erscheinen, ist man kurz davon überzeugt der brutal krasse Pro-Gamer zu sein. Also so ca. drei Minuten bevor man wieder volles Pfund aufs Maul bekommt.
Jedes Mal, wenn diese Worte auf dem Schirm erscheinen, ist man kurz davon überzeugt der brutal krasse Pro-Gamer zu sein. Also so ca. drei Minuten bevor man wieder volles Pfund aufs Maul bekommt.

Rauptierkapitalismus 5.0

Das raue Arbeitsklima unter den Arbeitnehmern lässt sich wohl auch ein Stück weit mit dem der Welt von »Elden Ring« zugrundeliegenden maximal grausamen Wirtschaftssystem erklären. Die zentrale Währung sind Runen. Diese gewinnen wir in der Regel durch das Umbolzen von allem und jeden, was in Elden Ring kreucht und fleucht. Und von diesen Runen brauchen wir zum Aufleveln, Zeug kaufen, Zeug verbessern und wasweissichnochalles einfach unglaublich viele.

Okay, vielleicht erklärt auch dieser Umstand, dass wir alles in der Welt als unser persönliches Sparschwein betrachten, das allgemeine aggressive Verhalten uns gegenüber. Gut, theoretisch könnten wir auch einfach Blumen pflücken und diese bei einen der Händler, die praktischer Weise alle genau gleich aussehen und ihre Business-Skills vermutlich an der Trump University vermittelt bekamen (weil mal ehrlich: wer hält denn nen Einzelhandel im hintersten Winkel vom Nirgendwo umgeben von tödlichen Gefahren für nen geilen Business-Case?), gegen Runen eintauschen. Aber für ne Blume bekomme ich zehn, für ne Leiche dagegen ein paar hundert oder sogar tausende Runen.

Außerdem wurde das pazifistische Blumenpflück-Experiment ihres friedliebenden Autors von einer frechen Bande offenbar militanter Naturschützern durch obligatorisches Abmessern abrupt beendet. Bis die Wut verraucht, werden erstmal Häschen auf einen Porsche geklebt.

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Für eine Handvoll Runen

Unser eigenes Leben ist im Übrigen exakt so viel Wert, was wir beim Dahinscheiden an Runen bei uns tragen. Manchmal keinen Pfifferling (hach), manchmal extrem viele Pfifferlinge (noch mehr hach).
Vorteil ist: ich konnte so den Kindern anschaulich erklären, warum man zu der reichen Oma immer besonders nett sein muss. Nachteil: wenn man es nach dem Ableben nicht schafft, lebendig zum Tatort zurückzukehren, sind alle schönen Runen futsch. Der Umstand, dass mit unserer Auferstehung auch alle bis dato gemeuchelten Unholde uns wieder feierlich zuwinken, macht die Requirierung unseres Vermögens oft schwer bis unmöglich.

So steht auch ihr schluchzender Autor oft nach zwei, drei Stunden Spielzeit wieder da wo er vor zwei, drei Stunden war. Nur mit noch weniger Runen. Aber umso mehr Frustration. Ein Bentley wird mit SpongeBob verziert.

Bad Santa
Bad Santa – bei diesem Knilch im Nikolauskostüm können wir mit unseren Runen Zeug kaufen. Seine in der ganzen Spielwelt verteilten Kollegen sehen übrigens genauso aus. Nur der Nikolausfummel hat ne andere Farbe. Also so ähnlich wie bei Tick, Trick und Track.

Für ein paar Runen mehr

Der Zwang zur Runenraffung und da alles was wir verhauen haben wieder vital durch die Gegend springt, sobald wir an einem Punkt der Gnade rasten, führt zwangsläufig gerne mal zum niveaulosen Runen-Grinden: Wir finden ein Schwert, für das uns fünf Attributs-Punkte fehlen. Zum Glück kennen wir da den einen Punkt der Gnade, wo vier Typen in der Nähe rumlungern, die wir relativ gefahrlos umhauen können. Also flux dahin, Typ eins bis vier gekillt, kurz am Ort der Gnade hingehockt und wieder von vorn. Das machen wir so 20, 30 mal und schon können wir das neue Schwert nutzen. Das macht exakt so viel Spaß wie es sich anhört.

»Dann mach doch einfach mal ne Quest!«, schreien Sie, lieber Leser, jetzt vielleicht gerade gen ihrem Textanzeigemedium. Worauf ihr armer Autor nur eloquent »Häää? Wie jetzt? Quest?« erwidern kann.

Immer wieder treffen wir auch auf teilweise recht skurrile NPCs die uns nicht sofort verdreschen wollen. Hier lernen wir zum Beispiel eine äußerst höfliche Amphore kennen…
Immer wieder treffen wir auch auf teilweise recht skurrile NPCs die uns nicht sofort verdreschen wollen. Hier lernen wir zum Beispiel eine äußerst höfliche Amphore kennen…

A Song of Hä? Und Was?

Der einzige Grund, warum »Elden Ring« ihrem soulsabstinenten Autor im Vorfeld überhaupt ein Begriff war, ist George R.R. Martin. Dass der gefeierte Schriftsteller am Projekt beteiligt ist wurde im Vorfeld, beim Release und auf der Spieleverpackung ja das ein oder andermal am Rande erwähnt. Genauer gesagt hat Herr Hidetaka Miyazaki, der Schöpfer der »Dark Souls«-Spiele, »Elden Ring« erfunden, um gemeinsam mit Herrn Martin eine völlig neue Welt kreieren zu können. Das hört sich erstmal alles super knorke an. Allerdings lässt das weiter oben beschriebene Intro bereits den Verdacht aufkeimen, dass es bei dieser Zusammenarbeit wohl eher um Worldbuilding als um Handlung ging.

Und das ist irgendwie auch ein gewaltiges Problem.

Bosse gibt es ganz souls-typisch natürlich auch ohne Ende. In klein und groß und fies und noch fieser. Und meist ultrahässlich.
Bosse gibt es ganz souls-typisch natürlich auch ohne Ende. In klein und groß und fies und noch fieser. Und meist ultrahässlich.

Weil, seien wir mal ehrlich, die Story, die das Spiel dem Spielenden erstmal präsentiert, ist einfach nur furchtbar dumm: Es gibt ein Dingsbums der Macht und einen duften Herrscher, Herrscher ist weg, Dingsbums ist weg, böse Nachkommen machen alles kaputt, irgendein Kasper tritt auf, um in dem Chaos mal ordentlich durchzukärchern. So simpel wie nullachtfuffzehn. Und bis heute hat sich mir nicht erschlossen, warum zur Hölle ich Präsident von einem Land werden will, in dem mich alles und jeder umbringen will.

Und »Elden Ring« wird auch im weiteren Spielverlauf einen Teufel tun, uns auf irgendwas Storyrelevantes hinzuweisen. Manchmal treffen wir Gestalten, die uns nicht umbringen wollen, und die erzählen uns dann Dinge, geben uns Hinweise und manchmal auch Aufgaben. Und ab und an gibt es sogar Zwischensequenzen. Aber wenn ich bei dem Geplapper nicht aufmerksam zuhöre, Pech gehabt. Also entweder ich notiere mir ganz oldschool mit Papier und Stift, dass Lady Hupfeldim uns darum bittet, einen Brief an Lord Brummelbrum in Schloß Kastldings hinter dem Wald von Dingsderlbums zu bringen, oder halt links rein und rechts wieder raus, yaddayaddayadda, Obacht, da hinten ist ein Schaf! Elden Ring wird uns hier keinen Hinweis oder Reminder hinterlassen. Dabei erwarte ich ja gar keine dicken Questmarker oder so, aber eine kurze automatische Notiz in einem Journal würde die Sache zigfach vereinfachen und das Spiel besser erfahrbar machen.

Charakterklasse Doktor Martin Gruber

Dieses geizen mit der Handlung ist doppelt Schade. Weil, und jetzt halten Sie sich fest, die Geschichte, die sich die Herren Martin und Miyazaki da erdacht haben, ist echt gut. Okay, wenn andere Publikationen hier Vergleiche von Nibelungenlied über Parzival bis hin zur Bibel ziehen, ist das natürlich grob schwachsinnig, aber im Videospielkontext ist das Worldbuilding hier echt gut. Videospiel-gut halt. Wie ne gut geschriebene »Bergdoktor«-Episode.

Gut, der Vergleich hinkt etwas, denn Doktor Gruber weiß immer was zu tun ist und hätte den Elden Ring nach gut 90 Minuten in den Händen und nebenher noch Malenia von der Scharlachfäule geheilt. Der durchschnittliche »Elden Ring«-Spieler weiß aber vermutlich meist so gar nicht, was er hier eigentlich warum gerade so tut.

»Herr Doktor Gruber, ich weiß nicht weiter. Helfen Sie! Schnell!« - hach, vom Bergdoktor könnte FromSoftware noch ordentlich was lernen… (Bild: ZDF/ Erika Hauri)
»Herr Doktor Gruber, ich weiß nicht weiter. Helfen Sie! Schnell!« – hach, vom Bergdoktor könnte FromSoftware noch ordentlich was lernen… (Bild: ZDF/ Erika Hauri)

Es ist bedauerlich, dass man »Elden Ring« die ganze interessante Geschichte mit Gewalt abringen muss. Hier gibt’s, mal eine kleine Andeutung, dort verbirgt sich in einer Gegenstandsbeschreibung ein Hinweis. Manch einer findet das sicherlich superspannend und toll, ihr Autor findet das nur maximal kapriziös und unnötig.

Was bringt mir denn eine feine Geschichte, wenn die sich mir erst nach dem Spiel durch das Studium von Youtube-Videos erschließt?

Was wurde eigentlich aus der guten alten Softwarepyramide?

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, nachdem Sie nun so lange drangeblieben sind, erwarten Sie nun vermutlich ein richtungsweisendes Urteil, ob Sie in die Welt von »Elden Ring« eintauchen oder es auf ewig meiden sollen.

Nun gut, da Sie, wenn sie ein Faible für Souls-Spiele haben, »Elden Ring« vermutlich sowieso schon selber ausgiebigst spielen und großen Teilen dieser Review vielleicht vehement widersprechen, will ich hier die Gruppe der eher unbedarften Souls-affinen Leserinnen und Leser ansprechen.

»Elden Ring« ist relativ schwer, relativ gnadenlos und maximal kapriziös. Mit schwer und gnadenlos kann ich mich arrangieren. Auch, weil es das Spiel dem Spielenden meist freistellt, sich einer Gefahr zu stellen oder diese zu umgehen und vielleicht später wieder zurückzukehren. Mit diesem kapriziösen Rumgezicke und dem infantilen »hihihi, ich verrat dir nix«-Kokettieren kann ihr Autor aber so gar nichts anfangen. Seien es versteckte Tutorials, versteckte wichtige Spielmechaniken oder versteckte Handlung. Offenbar finden viele Spieler das toll, ich finde das superdämlich. Und vergällt mir den Spielspaß ganz gewaltig.

Ein weiterer Punkt, der Ihrem Autor zu schaffen macht, ist die Bedeutungslosigkeit, die wir als Spieler in der zauberhaften offenen Spielwert hinterlassen. Wir erschaffen nichts, wir zerstören nur. Und alles was wir zerstören, steht nach einer Rast am Ort der Gnade wieder auf, so als wäre nichts gewesen. Vielleicht geht das ja nur mir so, aber wenn ich mit einer offenen Spielwelt konfrontiert werde, dann will ich als Spieler hier auch meine Fußabdrücke hinterlassen, die Welt ein Stück weit gestalten können. Geht das nicht, macht mir das auf Dauer keinen rechten Spaß.

Was nach zwei Monaten auch keinen so rechten Spaß mehr macht, ist die Open World. Ist man zu anfangs noch an jeder Ecke baff erstaunt und neugierig, ödet es einen irgendwann an. Ihr geplagter Autor weiß, dass er das Spiel niemals zu Ende spielen wird. Die Welt ist schlicht ZU groß. Und dadurch wird sie irgendwann unweigerlich repetitiv und fade.

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie sind nun gewarnt. Zum Reinschnuppern in die Welt der Soulslikes ist »Elden Ring« vermutlich die beste Wahl. Allerdings besteht natürlich dennoch die latente Gefahr, dass Sie nach 30 Minuten voller Frustration den Controller aus dem Fenster werfen. Deshalb der Tipp: Genrefreunde greifen zu, alle anderen warten auf den Ausverkauf (Softwarepyramide) und gucken bis dahin vielleicht die letzte »Bergdoktor«-Staffel. Und nehmen Sie sich in acht vor Schafen.

Michael hat sein einziges Kind Guybrush Threepwood getauft und lebt jetzt getrennt von Frau und Tochter in Richard Garriotts Hobbykeller hinter einem Polybius-Automaten.

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