Metzeln gegen COVID-19

Seit Jahren habe ich keinen Shooter so ausgiebig gespielt wie das 2016er »Doom«. Entsprechend freute ich mich seit der Erstankündigung auf den Nachfolger »Doom Eternal«. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2020 und unser tägliches Leben wird durch das Coronavirus bestimmt. Unabhängig von seiner jeweiligen Lebenssituation trägt wohl jeder momentan Sorgen und schwere Gedanken mit sich herum. Zumindest meiner Vorfreude auf »Doom Eternal« konnte die derzeitige Lage nichts anhaben – die Aussicht auf temporäre Ablenkung durch ultraschnelle, schweißtreibende Arenakämpfe schien zu verlockend. Bereits der Vorgänger verdeutlichte: Wer seine Gedanken schweifen lässt und sich nicht zu 100 Prozent auf das Spielprinzip konzentriert, endet blitzschnell als Hackfleisch. Soviel sei vorab verraten: Mit dem Nachfolger verhält es sich nicht anders. »Doom Eternal« hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können.

Moinsen, ich bin der Doom Slayer! Nicht nur in Zeiten von Corona tapeziere ich gerne Wände mit Dämonengedärmen!

Legales Aufputschmittel

Ein Punkt Lebensenergie. Explosionen, treibender Industrial Metal und Dämonenlaute verschmelzen zu einem martialischen Klanggewitter. Aus den Augenwinkeln nehme ich die Einblendung »Geschosse im Anflug« wahr. Ich laufe, springe und dashe, was das Zeug hält. Nicht stehen bleiben, das wäre der sichere Tod! Das hochaggressive Spinnenwesen mit den Geschützen muss immer noch dicht hinter mir sein. Ganz zu schweigen von all den anderen Kreaturen. Ich renne um ein Gebäude herum und mich packt das Grauen… circa 20 Meter vor mir befindet sich eine weitere Alienspinne, die gegen einige Untote kämpft. Den Bruchteil einer Sekunde später hat sie mich bereits ins Visier genommen und interessiert sich nicht mehr für ihre anderen Widersacher. Als sie zu feuern beginnt, ist mir klar: mein letztes Stündlein hat geschlagen.

Doch Halt… Dieses Grunzen in unmittelbarer Nähe erkenne ich…. Ich drehe mich instinktiv nach links und schieße mit der Schrotflinte auf einen Zombie, der nach dem Treffer gelb umrandet ist. Panisch führe ich per Knopfdruck einen Glory Kill aus und zerlege ihn in einer brutalen Animation in seine Einzelteile. Ein blauer Regen aus Lebensenergiepunkten prasselt über mich herein, doch ich habe keine Zeit zum Durchschnaufen. Die Geschosse der zweiten Spinne verfehlen mich nur knapp. Links neben mir entdecke ich einen weiteren Zombie, den ich per Kettensäge erledige. Lebensenergie und Munitionsvorrat sind nun wieder in akzeptablem Zustand. Nach vorne… immer nur nach vorne. Kommt doch her, ihr dämonischen Horden, euch werde ich es zeigen!

It’s a long way back from hell

Knapp 15 Stunden beschäftigt mich die 13 Missionen umfassende Solo-Kampagne. In der Rolle des Doom Slayers rette ich mal wieder die Welt und treibe meinen Bodycount in Gefilde, die selbst Actionheld John Wick wie einen Amateur aussehen lassen. Die Schauplätze überzeugen neben ihrer grafischen Opulenz durch ihren Abwechslungsreichtum und ihr Environmental Storytelling. Ich entdecke gigantische Statuen, finde riesige Überreste von absonderlichen Kreaturen oder Kampfrobotern und komme immer wieder ins Staunen: »Was mag an diesem Ort geschehen sein?«

Viele der Kampfarenen geben mir reichlich Bewegungsfreiraum. Ich bin häufig unter freiem Himmel unterwegs und kämpfe mich nicht nur durch düstere Innenareale. Mit dem Sci-Fi-Grusel eines »Doom 3« hat der neuste Serienableger herzlich wenig zu tun. Hier wird Dämonenmasakrieren augenzwinkernd zum virtuellen Höchstleistungssport erklärt. Da ich so manchen Tod gestorben bin, habe ich übrigens wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass die Ladezeiten der getesteten PlayStation 4-Version recht kurz sind.

Durchdachtes Design

Man könnte schnell auf den Gedanken kommen, »Doom Eternal« sei ein ziemlich stumpfsinniges Spiel. Die Wahrheit sieht differenzierter aus. Ab dem zweiten Schwierigkeitsgrad empfinde ich die Solo-Kampagne als Herausforderung. Mir werden im Sekundentakt Entscheidungen abverlangt. Jeder Monstertyp verfügt über individuelle Stärken und Schwächen. Stürmt ein sogenannter »Pinky« auf mich zu, kann auf ihn schießen.

Klüger wäre es, im letzten Moment seitlich auszuweichen und anschließend seinen ungeschützten Schwanz zu attackieren, sobald er mir seine Rückseite offenbart. Die unterschiedlichen Gegnertypen sind anfällig für verschiedene Waffen. Der Umgang mit meinen Ressourcen sollte immer wohlüberlegt sein. Während eines brutal schnellen Arenakampfes, in dem zig verschiedene Monster mir ans Leder wollen, ist es nicht einfach, einen kühlen Kopf zu bewahren. Über die Arenen sind zwar Health Packs, Munition und Rüstung verteilt, allerdings nicht in einem Maße, dass ich mich nur auf diese Items verlassen könnte. Häufig überlebe ich dadurch, dass neben größeren Gegnern auch Kanonenfutter herumsteht. Benzin für die Kettensäge vorausgesetzt, kann ich letztere nutzen, um Munition zu erlangen. Habe ich einen Gegner geschwächt und nutze anschließend den Glory Kill, erhalte ich Lebensenergie. Der neu dazugekommene Flammenspeier auf meiner Schulter lässt mich Gegner kurzzeitig anrösten, um Rüstungspunkte zu erhalten. Er benötigt aber mehrere Sekunden, um sich nach dem Einsatz wieder aufzuladen. Selbiges gilt für andere Sekundärwaffen wie Haftbomben oder Eisgranaten, die meine Widersacher kurzfristig einfrieren.

Viel zu entdecken

Es lohnt sich, regelmäßig auf die 3D-Karte zu schauen und sich mit den Umgebungen vertraut zu machen. Jeder Level bietet reichlich Geheimnisse, Cheat Codes und Upgrades, die ich entdecken kann. Zwischen Missionen, und wahlweise nach Ende der Kampagne, halte ich mich in der »Fortress of Doom« auf, einer Raumstation, die als Hauptquartier des Doom Slayers fungiert. Hier kann ich meine Trophäen bewundern und sogenannte Wächterbatterien gegen Waffen-Modifikationen oder andere Boni eintauschen.

Nach Missionsabschluss kann ich per Schnellreisefunktion an ausgewählte Orte des Levels zurückkehren, um nach verpasstem Loot oder Spezialherausforderungen zu suchen. Praktischerweise erfahre ich in den Missionsmenüs, in welchen Levels ich welche Inhalte übersehen habe. Generell zeigen sich beim Aufrüsten des Protagonisten aber Licht und Schatten. Einerseits erhalte ich die Gelegenheit, meine Fähigkeiten und Waffen entsprechend meines Spielstils zu modifizieren und zu verbessern, andererseits sind die vielfältigen Upgrade-Systeme völlig überladen. An dieser Stelle hätte ich einen stärkeren Fokus aufs Wesentliche begrüßt.

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Darf es etwas mehr sein?

Auch bei den Jump-and-Run-Passagen frage ich mich, ob weniger nicht mehr gewesen wäre. Welche Entfernungen ich mit Sprung, Doppelsprung und Dash zurücklegen kann, ohne in einen Abgrund zu stürzen, ist nicht immer direkt ersichtlich. Auch wenn ich Hindernisse in Sprungpassagen mal besser, mal besser schlechte bewältige, so wirklich ins Blut über geht mir das friemelige neue Spielelement nie.

So bin ich in diesen Geschicklichkeitspassagen dann auch deutlich mehr Tode gestorben als in den fordernden Bosskämpfen. Natürlich ist es möglich, dass ich mich einfach nur dämlich angestellt habe, zumindest hege ich aber leichte Zweifel, dass es nur daran liegt. So oder so kann ich mir nicht vorstellen, dass dies der gewünschte Effekt der Entwickler ist. Grundsätzlich bemerkbar ist, wie sehr sich »Doom Eternal« um Abwechslung bemüht.

Mal werden immer neue Gegner beschworen, die sich zusätzlich aggressiv verhalten, bis ich ein Beschwörungstotem gefunden und zerstört habe. Ein anderes Mal schlüpfe ich im Kampf kurz in die Rolle eines »Revenants« und beschieße Gegner dank Jetpack aus der Luft. Dass sich die Gefechte nicht so schnell abnutzen, liegt an den vielen Möglichkeiten, die mir das Spiel lässt, mich im Kampf auf meine Weise zu entfalten. Wer genug vom Singleplayer-Modus hat, kann sich am asynchronen 2vs1-Multiplayermodus versuchen. Hier schlüpfen zwei Spieler in die Rolle von Dämonen, einer übernimmt den Doom Slayer. Mehr als eine nette Dreingabe ist der Modus jedoch nicht, »Doom Eternal« ist ganz klar auf seine Singleplayer-Erfahrung ausgerichtet.

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Die Story: Irgendwas mit Hölle, Portalen und Dämonenpriestern

Wegen einer ausgefeilten Handlung hat wohl noch niemand einen Titel der Reihe gespielt. Was war das schön, als der Doom Slayer im 2016-er »Doom« demonstrativ auf einen Bildschirm einschlug, der dabei war, ihn mit Hintergrundinformationen zu versorgen. Wer braucht diesen Kram, wenn sich das Frittieren und Schnetzeln von Monstern dermaßen unterhaltsam gestaltet? Leider scheinen die Entwickler zwischenzeitlich zu einem anderen Schluss gekommen zu sein und versuchen sich an einer Handlung, die unter anderem auf die Ursprünge des Doom Slayers und seine Verbindung zu den Antagonisten eingeht.

Dabei wird der Protagonist zum Rang eines gottgleichen Kriegers erhoben, der selbst im entlegensten Winkel der Galaxis gefürchtet wird. Empfinde ich die Story-Sequenzen zunächst als überflüssiges Beiwerk, reagiere ich im weiteren Verlauf zunehmend genervt. Dass ich reichlich Lore in der Spielwelt finde, den ich in einem Menü nachlesen kann, ist theoretisch zwar nett, da sich das meiste aber als absurder Hokuspokus erweist, hätte ich darauf verzichten können. Wenn der Doom Slayer ein Loch in den Mars ballert und sich anschließend selbst auf den roten Planeten schießt, kann ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Meistens funktioniert die Handlung für mich allerdings nicht mal auf humoristischer Ebene. Sei’s drum: In Anbetracht der vielen Stärken von »Doom Eternal« kann ich mit diesem Makel gut leben.

Fazit

Würde es noch keine Epilepsiewarnung am Beginn von Videospielen geben, »Doom Eternal« wäre der perfekte Grund sie einzuführen! Das aktuelle »Doom« fühlt sich mit seinen zusätzlichen Systemen und seiner Pseudo-Story zwar nicht mehr so entschlackt und schnörkellos wie der Vorgänger an, ist ungeachtet dessen aber immer noch ein beeindruckend durchdachter, schweißtreibender Shooter, der die meisten anderen Singleplayer-Konkurrenten alt aussehen lässt.

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About Author

Ingmar

Ingmars Begeisterung für Videospiele begann auf dem C64 seines älteren Bruders. Heutzutage spielt er bevorzugt auf der PlayStation 4 und weiß jeden Titel zu schätzen, der seine Lebenszeit respektiert. Ingmar mag storylastige Spiele, beschwert sich aber auch nicht, wenn es einfach mal nur rumst und scheppert. Seine Top3: »The Last of Us«, »The Witcher 3« und »What Remains of Edith Finch«.

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