Kingdom Come Deliverance – Ein Erlebnisbericht (PS4)

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Infobox

Kingdom Come: Deliverance ist ein First-Person-RPG, das im authentischen Königreich Böhmen des Jahres 1403 angesiedelt ist. Ihr spielt den jungen Heinrich, der Sohn des Dorfschmieds. Als die Ansiedlung von einer Invasionsarmee dem Erdboden gleich gemacht wird, kann Heinrich fliehen und wird in den Dienst von einem gnädigen Adeligen genommen. Die Hauptfigur muss essen und schlafen, sich um seine Ausrüstung kümmern, kann Quests auf viele verschiedene Arten lösen und sich einen Ruf erarbeiten. Alle Fertigkeiten steigen ausschließlich durch Learning by Doing.

Einige Tage vor Release des Spiels hatte ich mal wieder den 80er-Jahre-Klassiker „Karate Kid“ gesehen. Blicke ich nun zurück auf meine Abenteuer als Heinrich, dann kann ich verblüffende Parallelen zum Film erkennen. Als ich zu spielen begann, nahm ich nämlich ganz unwissentlich die Rolle des jungen Daniel LaRusso aus dem Film ein, der gar kein Zweifel daran hat, ganz schnell ein großer Kämpfer zu werden.

Schließlich habe ich den Weg vom einfachen Dorfburschen zum waffenstarrenden Obermacker im Laufe meines Zockerdaseins schon so oft beschritten, dass ich ihn mit geschlossenen Augen gehen kann. Das Spiel jedoch baute sich wie der freundliche, aber unerbittliche Mr. Miyagi vor mir auf und sagte: „So, du willst also ein großer Held werden? Das ist schön! Aber zuerst auftragen und polieren. Auftragen und polieren“.

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Die Kämpfe sind hart und erfordern Konzentration.
Die Kämpfe sind hart und erfordern Konzentration.

Der mit dem Schloss ringt

Kingdom Come Deliverance war von Beginn an echt unfair zu mir. Ich meine damit nicht, dass es mir gleich einen dicken Boss vor die Nase setzte, wie etwa Dark Souls. Nein, das Spiel war auf eine viel subtilere Art unfair. Es sorgte dafür, dass mir Dinge misslangen, die ich für absolut selbstverständlich halte. Und das kratzte so sehr an meinem Ego, das ich in den ersten Spielstunden geflucht habe wie ein Kesselflicker und den Programmierern massive Unfähigkeit attestiert habe.

Das begann schon mit so etwas simplem wie dem Feilschen beim Händler und dem Knacken von Schlössern, auf was ich mich, sofern möglich, grundsätzlich mit meinen Rollenspielcharakteren spezialisiere. In diesem Spiel kriegte ich vor allem letzteres sehr, sehr lange nicht hin. Überhaupt. Kein. Bisschen. Ich war gezwungen, mit meinem Gamepad artistische Verrenkungen hinzulegen, zu denen ich einfach nicht in der Lage war. Immer wieder scheiterte ich an den leichtesten Schlössern, obwohl ich bald sämtliche YouTube-Tutorials akribisch studiert hatte. Das machte mich echt fertig, schließlich bin ich doch so ein erfahrener Spieler!

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Auf zur Arbeit. Ich reite mit meinem Kommandanten aus
Auf zur Arbeit. Ich reite mit meinem Kommandanten aus

Affe mit Waffe

Genauso schmachvoll erging es mir mit dem Kampfsystem. Mit dem rechten Stick legt man vor dem Hieb die Schlagrichtung fest und erst dann wählt man aus, ob man zusticht oder schlägt. Wie umständlich ist das denn bitteschön? Vor einem Block muss man ebenfalls zuerst die Richtung festlegen, aus der ein gegnerischer Schlag kommt. Was habe ich anfangs mit meinem Schwert rumgefuchtelt und Stahl gefressen.

Und dann noch dieser verdammte Bogen, der keinerlei Fadenkreuz hat. Ich habe in keinem Spiel jemals so weit ein Ziel verfehlt, wie hier. Wer programmiert sowas? Die ersten Stunden bin ich durch das Spiel gestolpert, hungrig, zerschlissen und auf dem letzten Loch pfeifend und war irgendwann nur noch sauer auf Kingdom Come Deliverance und auf all diese Typen aus den Tutorial-Videos, die das alles so leicht aussehen ließen.

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Die Karte ist liebevoll gestaltet.
Die Karte ist liebevoll gestaltet.

Die Stunde der Erkenntnis

Und dann, während eines Schwerttrainings, bei dem mir ein Ausbilder zum ersten Mal ein paar Kniffe zeigte, begann ich plötzlich zu verstehen. Es veränderte sich tatsächlich von einem Moment auf den anderen. Ich kapierte, dass das Kampfsystem gar nicht umständlich, sondern sogar verdammt clever war. Damit lassen sich so ausgeklügelte Finten und Techniken ausführen, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe.

Ich als Spieler muss das System nur erst einmal lernen und dann ausführlich üben. So wie ich auch alles andere in diesem Spiel erst einmal von der Pieke auf lernen und üben muss. Wie Daniel in „Karate Kid“ nicht verstanden hatte, warum er für sein Karatetraining ein Auto polieren musste, hatte ich nicht gerafft, warum das Spiel so sperrig und kompliziert wirkte. Ich war einfach mit der völlig falschen Einstellung an die Sache gegangen und dachte, ich kann hier wie immer den ausgelatschten Pfad vom Zero zum Hero beschreiten. Doch so funktioniert Kingdom Come Deliverance nicht.

Die ganzen Fantasy-RPG-Klischees zählen hier nicht, auf diese Spielwelt und ihre Regeln muss man sich voll und ganz einlassen. Bescheidenheit und Geduld ist die Devise. Ich bin hier nicht der Held, auf den die Welt gewartet hat, sondern nur ein kleines Licht im großen Spiel der Throne. Deshalb fand besagtes Schwerttraining auch nicht in einem großen Rittersaal mit Pauken und Trompeten statt, sondern neben einer Kuhweide und bei einem Ausbilder, der gar keine Lust auf mich kleinen Dorftölpel hatte. Also ließ ich mich versuchsweise auf die Regeln dieser Welt ein – und begann mich in das Spiel zu verlieben.

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Die Wälder sind einfach extrem atmosphärisch.
Die Wälder sind einfach extrem atmosphärisch.

Ein ausgedehnter Stadtbummel

Kingdom Come Deliverance strahlt eine Bodenständigkeit aus, die mich auch nach unzähligen Stunden immer noch fasziniert. Das Spiel haut mir nicht eine Actionsequenz nach der anderen um die Ohren, sondern nimmt sich Zeit, kleine Begebenheiten zu erzählen und unglaublich viel Mittelalteratmosphäre zu versprühen. Wem bei dieser Beschreibung schon die Füße einschlafen, für den ist das ganze nichts.

An mir ging diese Bodenständigkeit dagegen nicht spurlos vorbei. In anderen Titeln wäre ich ohne Frage vor Ungeduld durchgedreht, wenn ich in einer Hauptquest hätte Wache halten müssen und dann tatsächlich mit meinem Kollegen gemütlich durch die Stadt gegangen wäre. Hier aber kann ich nicht genug kriegen von den Geschichten, die mir mein digitaler Kollege beim Rundgang von der Stadt, den Gebäuden und seinen Bewohnern erzählt.

Und als ich dann etwas später auf Hasenjagd gehen muss (wieder eine Hauptquest!) und gut 20 Minuten durchs Unterholz schleiche, bin ich einfach begeistert. Und das, obwohl ich die Jagdmissionen bei den Far Cry-Spielen immer unheimlich anstrengend fand. Wie ich mit diesem verdammten Bogen ohne Fadenkreuz irgendwann meinen ersten Hasen geschossen habe, war einfach unbeschreiblich. Und wie ich dann nach und nach verstand, wie sich ein Pfeil verhält und immer besser traf. Einfach großartig!

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Mit Würfeln verdiene ich mir etwas dazu.
Mit Würfeln verdiene ich mir etwas dazu.

Sehnsuchtsort Böhmen

Neben den Jadgerfolgen begeisterte mich zudem die Atmosphäre und die Ruhe des Waldes um mich herum. Kingdom Come Deliverance hat unheimlich schön gestaltete Wälder, auch wenn die Grafik leider etwas detailärmer ist, als ich erhofft hatte (PS4 Pro). All diese Bächlein, Schleichwege, Schluchten, Waldseen, abwechslungsreichen Baumbestände und Geräusche wirken einfach so realistisch und liebevoll gestaltet, dass man eigentlich alle 10 Schritte stehen bleiben und sich umsehen müsste.

Und da kommen noch die unzähligen Wiesen, Flüsse, Seen, Dörfer, Ansiedlungen, Lager, Bauernhöfe, Jagdschlösser und Minen dazu. Alles wirkt so authentisch, es gibt keine gigantischen Eiswüsten oder Lavafelder, sondern „nur“ eine böhmische Mittelalter-Landschaft, die das kleine tschechische Warhorse Studio nach historischem Vorbild erschaffen hat. Was das Team aus 80 Leuten da geleistet hat, haut mich persönlich echt um.

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Regen und Dunkelheit gehören zum Alltag.
Regen und Dunkelheit gehören zum Alltag.

Der Magen knurrt, die Füße stinken…

Kingdom Come Deliverance ist zwar ein astreines RPG, was sich in unzähligen Talenten und Fertigkeiten der Hauptfigur niederschlägt, der Fokus des Spiels liegt aber auf der realistischen Simulation des mittelalterlichen Lebens. Und das funktioniert erstaunlich gut. Zu viele Spiele haben mich schon mit den aufdringlichen Hunger-Pipi-Kalt-Wehwechen der Spielfigur genervt.

Hier aber passt es endlich einmal und das lässt mich noch tiefer in diese faszinierende Welt eintauchen. Ich habe mich irgendwie nie wirklich von Heinrichs Bedürfnissen drangsaliert gefühlt. Mit ein bisschen Erfahrung findet man zum Beispiel überall was zu essen und wer richtig satt ist, der bleibt das auch eine Weile. Passend dazu verschleißen auch Gegenstände bei Benutzung.

Schuhe können kaputt gehen, wenn man sich nicht um sie kümmert, Schwerter werden stumpf und in Kämpfen zerfetzt es einem die Kleidung am Leib. Tolles Detail: Wer blutverschmiert und abgewrackt mit Leuten redet, bekommt einen Gesprächsbonus auf aggressive Aussagen. Bei Adeligen gibt so ein Outfit dagegen einen Malus. Wer auf gute Ausstrahlung wert legt, der muss regelmäßig ins Badehaus und zum Schneider.

Das ABC des Mittelalters

Sowieso ist der Ideenreichtum des Spiels eine echte Meisterleistung. Richtig begeistert hat mich beispielsweise, dass Heinrich nicht lesen kann und das erst bei einem Lehrer lernen muss. Schaut er sich ohne diese Fähigkeit einen Text an, dann sind alle Buchstaben durcheinander und das Geschriebene ist auch für mich unlesbar.

Je geübter Heinrich beim Lesen wird, desto mehr ordnen sich die Buchstaben. Das finde ich echt irre! Und wo ich gerade am Schwärmen bin, möchte ich nicht unerwähnt lassen, das Nahrung mit der Zeit im Inventar verdirbt, mehrere Schichten Kleidung getragen werden können, dunkle Kleidung einen Bonus auf Unauffälligkeit gibt und Händler ausschließlich das kaufen, was sie auch im Sortiment haben.

Dem Fleischer ein altes Kurzschwert zu verkaufen ist nicht drin. Auf der anderen Seite gängelte mich Kingdom Come Deliverance aber auch nicht zu sehr mit seinem Realismus. Sobald ich ein Pferd habe, brauche ich nur zu pfeifen und es steht sofort hinter mir. Und wenn ich einen zu schweren Gegenstand bei mir trage, der mich verlangsamt, dann kann ich diesen auf Knopfdruck in die Satteltasche des Tieres packen, egal wo ich bin.

Das muss noch gesagt werden

Das Kingdom Come Deliverance ein unspielbares Bugfest sein soll, kann ich nach zwei fetten Updates nicht mehr bestätigen. In der ganzen Spielzeit erlebte ich nur einen Absturz und Plotstopper gab es auch keine. Wie die Entwickler aber selbst zugaben, fehlt es noch ordentlich an Feinschliff, der erst nach und nach per Patch nachgeliefert wird. In Cutscenes stehen Personen teilweise noch falsch und reden dann ins Leere. Ziemlich genervt haben mich die extremen Lautstärkeunterschiede in den Dialogen, die auch gern mal unversehens in Englisch waren. Dass die (sehr gut vertonte) Sprachausgabe und die Untertitel zwar das gleiche meinen, dafür aber komplett andere Sätze verwenden, fand ich ebenfalls nicht so prickelnd. Richtig misslungen finde ich den viel zu großen Questmarker ohne Höhenanzeige, der mich mehr als einmal minutenlang im Kreis rennen ließ. Außerdem finde ich es nicht in Ordnung, dass das Spiel in Hauptquests regelmäßig speichert, in Nebenquests aber so gut wie nie.

Teile.

Übern den Autor

Sebastian

Sebastian ist mit dem KC 85 und dem C 64 aufgewachsen und noch heute heimlich in Maria von den Great Giana Sisters verknallt. Jeder seiner Versuche, nun endlich mal erwachsen zu werden, wird regelmäßig vom Release des nächsten RPGs oder Open-World-Titels zunichte gemacht.

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