No Man’s Sky – Täuschung und Schuld

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Wer ist Schuld an dem No Man’s Sky-Desaster? Das Internet scheint sich relativ einig zu ein: Sean Murray (Gründer Hello Games) und Hello Games sind verantwortlich. Aber ist das wirklich wahr? Eigentlich suche ich nicht gern nach Sündenböcken. Denn ist es nicht klüger, nach der Katastrophe aufzuräumen, statt in einer Ruine zu stehen und aufeinander mit dem Finger zu zeigen? Mit No Man’s Sky verhält es sich ein wenig anders, denn es gibt viele Parteien, die Schuld oder wenigstens Teilschuld an dem No Man’s Sky-Debakel tragen, aber nur Sean Murray und Hello Games bekommen den Hass des Internets ab. Ist nur Sean Murray für das No Man’s Sky-Debakel verantwortlich?

Der Sündenbock unter der Lupe

Es steht außer Frage, dass Sean Murray in seinen Interviews Features versprochen hat, die letzten Endes nicht im Spiel waren: Spieler konnten sich in der Spielwelt nicht treffen, Raumschlachten zwischen verfeindeten Fraktionen und andere Features suchten Spieler vergebens. Es gibt im Internet genug Videomaterial von Pressekonferenzen, die zeigen, dass diese Features versprochen waren, deshalb wollen wir hier nicht weiter auf diese Details eingehen. Die interessantere Frage ist nicht, was für Features fehlen, sondern warum sie fehlen! Sony Chef Shuhei Yoshida räumte ein, dass er die Kritik der Spieler gut verstehen könne. Sean Murray habe für „No Man’s Sky“ mehr Features in Aussicht gestellt, als zum Start vorhanden waren. Mit anderen Worten: Hello Games hatte nicht genug Zeit, all die Features zu implementieren, die sie gerne im Spiel gesehen hätten.

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Sean Murray

Hello Games

Vorsätzliche Täuschung?

Jetzt gibt es einen Unterschied zwischen einer „Täuschung“ und einer „vorsätzlichen Täuschung“. Womöglich hat Sean Murray die Spieler getäuscht, aber vermutlich hat er sie nicht vorsätzlich getäuscht. Wie kann man das verstehen? Es ist schwer vorstellbar, dass Sean Murray eines Morgens aufgewacht ist, sich vor den Spiegel gestellt hat und gesagt hat: „Ich werde No Man’s Sky absolut hypen. Ich werde lügen, lügen, lügen und richtig Geld verdienen. Und dann, wenn das Internet nach dem Launch explodiert, werde ich es mir einfach egal sein lassen. Ich werde mir den Ruf ruinieren. Aber passt schon!“ Wenn dem so wäre, würde Sean Murray jetzt auf einer Südseeinsel seinen Lebensabend genießen, aber stattdessen kam vor Kurzem das „Foundation-Update“ heraus.

Hello Games arbeitet weiter an No Man’s Sky. Die Gaming-Branche hat schon seit Langem das Problem, dass sie Werbung für ein Produkt machen müssen, das sich noch in der Entwicklung befindet. Darüber hinaus ist der Programmieraufwand schwer zu kalkulieren und regelmäßig müssen Features gestrichen oder Veröffentlichungstermine verschoben werden, um das Produkt zu liefern, dass das Marketing versprochen hat. Das klappt bei den großen Publishern nicht immer und von daher ist es kein Wunder, dass dieser Fehler auch Hello Games unterlaufen ist. Sean Murray hat mit seinen vollmundigen Versprechungen sicherlich die Spieler getäuscht, aber war es eine vorsätzliche, böswillige Täuschung oder einfach nur das Unvermögen, die Versprechungen, die man gemacht hat, einzulösen? Erinnern wir uns nicht alle an Peter Molyneux? Der hat auch ständig Features versprochen und sie dann nicht liefern können. Für mich ist Sean Murray der Peter Molyneux der Indie-Branche, der mit seinen eigenen Träumen nicht mithalten konnte.

Hat Sean Murray die Spieler getäuscht? Ja. Hat er sie vorsätzlich und arglistig getäuscht? Ich denke nicht. Jetzt könnte man meinen, ich möchte eine Lanze für Sean Murray brechen. Möchte ich nicht, denn obwohl ich Verständnis für das fehlerhafte Marketing und zu große Träume habe, hat Hello Games zwei schwere Fehler begangen, die mächtig Öl ins Feuer gegossen haben. Der Preis und das Veröffentlichungsmodell Hello Games haben mit No Man’s Sky ein Indie-Spiel veröffentlicht…zum Vollpreis.

Das war ein schwerer Fehler, denn wo Vollpreis draufsteht, erwarten Käufer die AAA Qualität. Call of Duty, Mass Effect und andere Titel verlangen den Vollpreis, aber das sind auch Titel, an denen teilweise Hunderte Programmierer und Künstler gearbeitet haben. Hello Games kann mit solchen Größen nicht mithalten. Aber in dem Moment, wo sie den Vollpreis verlangt haben, haben sie den Hype und die damit verbundenen Erwartungshaltungen zementiert. Hätte No Man’s Sky nur 20 Euro gekostet, hätten Hello Games ein deutliches Signal geschickt, das die Erwartungen hätte dämpfen können. Der zweite Fehler war das Veröffentlichungsmodell.

Spätestens als intern klar wurde, dass die ganzen Versprechungen nicht eingelöst werden können, hätte das Team um Sean Murray eine Exit-Strategie such müssen. Und es gab eine mögliche Lösung für das Dilemma, nämlich „Early Access“. Hätte Hello Games das Spiel als Early Access veröffentlicht, wäre den Kritikern im Vorfeld der Wind aus den Segeln genommen worden. Die fehlenden Features könnten nachgereicht werden und de facto hätte Hello Games das Geld bekommen und sich locker ein Jahr oder mehr Entwicklungszeit erkauft. Jetzt stehen sie unter immensem Druck, Ergebnisse zu liefern und haben in den Augen vieler Käufer ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Sony

Sony hat für die Playstation 4-Version von No Man’s Sky als Publisher fungiert und darüber hinaus Hello Games in Presse-Events und Konferenzen eingebunden. Nachdem die Enttäuschung der Spieler überdeutlich wurde, machte Sony-Chef Shuhei Yoshida ein Statement. Unter anderem räumte er ein, dass Sean Murray zu viele Versprechungen gemacht habe. Hello Games habe außerdem als Indie-Entwickler keine professionelle PR-Unterstützung gehabt, was sich als Fehler herausgestellt habe. Wieso hat No Man’s Sky keine professionelle PR-Unterstützung gehabt? Sony hat doch als Publisher für die Konsolenversion fungiert.

Darüber hinaus hat Fergal Gara (ehemaliger Playstation UK-Chef) folgende Aussage gemacht: „No Man’s Sky has been treated as if it was from one of our internal studios. We have been working very closely with the developers and bringing it into our release programme as if we had made it. If it all comes together as well as expected, it will be treated like a first-party release; it is not a selfpublished small indie title on the platform.“ Übersetzung: „No Man’s Sky wurde von uns so behandelt, als wäre es von einem unserer internen Studios. Wir haben mit den Entwicklern sehr eng zusammengearbeitet und es in unser Veröffentlichungsprogramm eingebettet, als hätten wir es produziert. Wenn alles so zusammenkommt wie erwartet, wird es wie eine Erstvertragspartner-Veröffentlichung behandelt; es handelt sich nicht um einen kleinen Indie-Titel auf dieser Plattform.“

Diese Aussage klingt nicht so, als hätte Hello Games alles ganz alleine gemacht und Sony nur aus sicherer Entfernung zugesehen. Natürlich kennen wir die genauen Vertragsmodalitäten zwischen Sony und Hello Games nicht, aber Sony hätte als erfahrener Publisher wenigstens in beratender Funktion positiv Einfluss auf Hello Games nehmen können. Warum hat Sony nicht interveniert, als Sean Murray zu viel versprach? Hätte Sony nicht Hello Games helfen können, einen besseren Preis und ein Early-Access-Veröffentlichungsmodell zu wählen? Hätte Sony nicht das Desaster kommen sehen müssen?

Die Spieler

In Rahmen moderner Wirtschaftsethik wird den Konsumenten durchaus zugetraut, wohlbegründete Kaufentscheidungen zu treffen. Aber wurden die Spieler nicht vom Marketing irregeführt und mussten sie nicht zu dem Schluss kommen, dass No Man’s Sky die nächste Offenbarung der Spieleindustrie wird? Nun, die Spieler wurden in der Tat hinters Licht geführt und die Desinformation ist nicht die Schuld der Spieler. Aber eine Kritik muss an dieser Stelle trotzdem zumindest einen Teil der Spielergemeinde treffen und zwar in Beziehung auf den „Hype-Train“.

Publisher und Entwickler bringen den „Hype-Train“ gerne ins Rollen, denn der „Hype-Train“ ist gleichbedeutend mit Interesse und möglichen Käufern. Aber sind Spieler denn dazu gezwungen, auf den „Hype-Train“ aufzuspringen? Mittlerweile sollten die meisten Gamer Erfahrungswerte mit der Hype-Marketingmasche gesammelt haben und wissen, dass Marketingversprechen und finales Produkterlebnis selten ein und dasselbe sind. Vielleicht möchten Spieler, die auf den No Man’s Sky-Hype-Train aufgesprungen sind, beim nächsten Mal innehalten und sich an No Man’s Sky erinnern. Denn wie groß ist die Chance, dass beim nächsten Mal ein Entwickler das „perfekte“ Spiel liefert, dass keine Spielerwünsche offen lässt? Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass hinter den vollmundigen Versprechungen nicht das nächste ultimative Spielehighlight, sondern Marketingversprechen warten?

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Hello Games Team

Hello Games

Noch einer hat keine Kritik erlebt

Wunderbar! Alle wurden nun unter die Lupe genommen. Alle Sündenböcke gefunden. Mission erfüllt! Ja aber was ist mit „uns“? Die mediale Berichterstattung kommt nicht von den Publishern, sondern von den Journalisten der Games-Branche. Eine wichtige Funktion eines Journalisten ist es, Fragen zu stellen. Das wurde gemacht. Aber wenn Games-Journalisten mit leuchtenden Augen vor Sean Murray sitzen und ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, dann handelt es sich dabei wohl kaum um kritischen Journalismus. Solche Form von Journalismus ist Teil des „Hype-Trains“ und der Marketingmaschine der Publisher. Natürlich sind Games-Journalisten auch selber Spieler und deshalb ebenfalls anfällig für den Hype.

Auch sehen Journalisten häufig das gleiche PR-Material wie die Spieler und können ebenfalls schlecht informiert sein. Aber Journalisten können und sollten auf ihre innere Einstellung achten. Sind sie angemessen skeptisch oder wenigstens nur vorsichtig optimistisch? Liefern sie PR-Hype oder echte Informationen? Im Rahmen der No Man’s Sky-Berichterstattung gab es auch noch Raum für Verbesserung. Die Medien wären besser die Bremse am Zug und nicht die Kohle im Feuer gewesen.

Fazit

Es mag nicht unbedingt eine populäre Meinung sein, aber No Man‘s Sky ist für mich nicht allein das Versagen von Hello Games und Sean Murray. Alle Akteure im No Man‘s Sky Dabakel haben die typischen Verhaltensmuster gezeigt, welche für die gesamte moderne Spieleindustrie problematisch sind. Hello Games hat mit Selbstüberschätzung und schweren Fehlern den Hype-Train auf den Abgrund zugesteuert und Sony hat Chancen auf die Bremse zu treten nicht genutzt. Die Spieler haben sich mitreißen lassen und sind einfach aufgesprungen und die Games-Journalisten haben im Führhaus des Zugs einfach Kohle ins Feuer geworfen und den Hype-Train kritiklos auf Maximalgeschwindigkeit beschleunigt.

Alle diese Verhaltensmuster sind nichts Neues. Sie plagen die Spielebranche schon seit längerer Zeit, ohne das sich Besserung zeigt. Was wird die Zukunft bringen? Werden Entwickler und Publisher in Zukunft lieber etwas leisere Töne anschlagen? Spieler sich an No Man‘s Sky erinnern, angemessen skeptisch reagieren und die Marketingversprechen stärker hinterfragen? Journalisten wieder vermehrt kritische Fragen stellen, statt Teil der Hypemaschine zu werden? Ich wäre in dieser Hinsicht ja gerne voller Zuversicht, aber für mehr wie zurückhaltende Hoffnung reicht es leider nicht. In diesem Sinne: Wir sehen uns nach dem nächsten „Hype-Train“ wieder! Wo? Na hier in unserer Kolumne „Klartext“, um wieder auf die Jagd nach den Schuldigen zu gehen!

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Übern den Autor

Florian

Unser Redakteur Florian gehört zu der Gruppe Spieler, die in ihrer Jugend die allerersten Gehversuche der Spieleindustrie mit "Pong "auf dem Atari, dem Commodore C 64, oder dem ersten Sim City miterlebt haben.

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